Eine richtige Mutprobe war es schon nicht mehr. Als einige tausend Ostberliner gestern vor zwanzig Jahren die Zentrale der die ganze DDR bis in den kleinsten Winkel überwachenden Stasi stürmten, hatte die Mauer schon große Löcher. In dieser nach dem Volksstamm der Normannen benannten Straße hockten noch die Stasi-Funktionäre. Jetzt hatten die Schergen des gefürchteten Erich Mielke keine Chance mehr, die wutbebenden Bürger, Frauen und Männer mit Maschinenpistolen am Eindringen in die Festung der Schnüffler und Folterer zu hindern.
Also zerschnippelten sie in größter Hast einen großen Teil ihrer Akten mit dem Namen ihrer Zuträger, der mehr oder minder freiwilligen Spitzel. Ein Glück, dass Mielkes Gehilfen nicht alle, sie selbst und viele Tausend ihrer Komplizen belastenden Papiere in den Schlund des Reißwolfs stecken konnten.
Nicht wenigen, die sogar ihre besten Freunde verraten hatten, wäre das willkommen gewesen. Auch heute, heute erst recht, hört man den Spruch: „Irgendwann muss doch mal Schluss sein.“ Diejenigen, die so reden, könnten sich sogar auf Helmut Kohl berufen. Der zögerte nicht, die Mitglieder der regimetreuen Ost-CDU sogleich zu umarmen. Sie brachten ihm ja reichlich Wählerstimmen, wenn auch nicht auf Dauer.
Natürlich wird die anfangs von dem Pfarrer Joachim Gauck, später von der gesinnungsstarken Marianne Birthler geführten Behörde für die Aufarbeitung des DDR-Unrechts irgendwann die Tore schließen. Es war aber richtig und gut, dass Licht in die Keller und Verließe der Staatssicherheit gekommen ist. Wobei nicht übersehen werden sollte, dass sich aktive Diener der Stasi ganz fix in der Marktwirtschaft etablierten.
Und in der Politik? In der Koalitionsspitze des Ministerpräsidenten Matthias Platzeck und im Landtag hatten es sich zahlreiche IMs bereits bequem gemacht. Beruhigend, dass in Potsdam mit Ulrike Poppe eine schon zu DDR-Zeiten widerständige Protestantin und Bürgerrechtlerin jetzt, man staune, nach 20 Jahren, die Lebensläufe der Volksvertreter kritisch mustern wird.
Ein Rechtsstaat darf nicht Rache nehmen. Anpassung ist unter einer Diktatur menschlich. Immer noch gilt der Spruch des Dichters Hoffmann von Fallersleben, dem Texter des Deutschlandliedes: „Der größte Lump im ganzen Land, das ist und bleibt der Denunziant.“
