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NWZonline.de Nachrichten Politik

Zerfall Jugoslawiens Vor 25 Jahren: Der Totengräber

16.01.2015
NWZonline.de NWZonline 2015-07-20T14:30:27Z 280 158

Zerfall Jugoslawiens Vor 25 Jahren:
Der Totengräber

Ljubljana Sein Äußeres passt so gar nicht in die hemdsärmelige Machogesellschaft Jugoslawiens in den 80er Jahren. Von kleiner Statur, stets im gepflegten Anzug, mit leisem Ton, aber scharfem Verstand: Milan Kucan, der gerade (14. Januar) 74 Jahre alt geworden ist, hat als kommunistischer Parteichef in seinem Heimatland Slowenien (1986-1989), Republikspräsident (1990) und erstes frei gewähltes slowenisches Staatsoberhaupt (1991-2002) zunächst dem Kommunismus in Jugoslawien und dann dem ungeliebten Vielvölkerstaat selbst den Todesstoß versetzt.

Der Jurist hatte eine steile Parteikarriere hingelegt. Mit 17 trat er in den Bund der Kommunisten Sloweniens ein, in den 60er Jahren war er schon Parteichef an der Universität in Ljubljana. Ende der 70er Jahre slowenischer Parlamentspräsident, von 1982-1986 bekleidete das politische Talent in Belgrad einen hohen Posten im Zentralkomitee (ZK) des Bundes der Kommunisten Jugoslawiens, dessen Teil die slowenische Partei damals war. „Dort machte ich die Erfahrung, dass Jugoslawien ohne Demokratisierung nicht zu retten war“, sagt er heute.

Im immer noch kommunistischen Ein-Parteien-Staat „gab es keine Gleichberechtigung der Völker“, lautete seine Analyse: „Die serbischen Interessen wurden als Interessen aller anderen Nationen ausgegeben“. „Es gab keine Chance, die wirtschaftlichen Ungleichgewichte im Land zu vermindern“, war er überzeugt. Denn das Bruttoinlandsprodukt Sloweniens als des meist entwickelten Landesteils war siebenmal größer als das des albanisch bewohnten Kosovos, der ärmsten Region.

Noch heute ist Kucan stolz, dass das Reformprogramm „Europa heute“ mit dem Ziel „Sozialismus mit menschlichem Gesicht“ in Slowenien Ende der 80er Jahre von allen sozialen Schichten entwickelt wurde. „Jung und alt zogen an einem Strang. Es gab keinen Generationenkonflikt“, beschreibt er die Aufbruchstimmung. Programmatisch sei das „Marxistische Zentrum“ um den heute international geachteten Philosophen Slavoj Zizek der Motor zur Entwicklung dieses Zukunftsprojekt gewesen.

„Die Schlüsselfrage, hat es Sinn, in einem Staat ohne jede Perspektive weiterzuleben, war schnell beantwortet“, beschreibt Kucan weiter den Weg zum sicheren Ende Jugoslawiens. „Wir schlugen die Bildung einer Konföderation vor, um zu sehen, ob wir gemeinsam noch eine Chance haben. Danach wäre eine neue, zeitgemäße Föderation Jugoslawien entstanden oder aber die Selbstständigkeit der bisherigen Republiken“.

Da die Serben auf dem Wahlprinzip „ein Mann, eine Stimme“ beharrten und daher als mit Abstand größtes Volk alles hätten bestimmen können, „mussten wir den legitimen, aber eigentlich illegalen Weg der Abspaltung“ einschlagen, begründet Kucan die Strategie. „Wir hatten uns nach dem Zweiten Weltkrieg freiwillig Jugoslawien angeschlossen und mussten daher auch das Recht haben, freiwillig wieder auszuscheiden“, habe die Argumentation gelautet.

Als auf dem 14. Parteikongress der jugoslawischen KP (20.-23. Januar 1990) die slowenischen Kommunisten unter Führung von Kucan und seinem kurz zuvor als Nachfolger an der slowenischen Parteispitze gewählte Ciril Ribicic mit allen ihren Reformvorschlägen komplett scheiterten „und wir teilweise sogar ausgelacht wurden“, verließen sie kurzerhand das oberste Gremium der Gesamtpartei - ein ungeheurer Vorgang! Die Kroaten folgten ihrem Beispiel. Der Kongress war geplatzt und der Anfang vom Ende Jugoslawiens, das später in blutigen Bürgerkriegen zerfiel, war eingeläutet.

Der serbische Parteichef und spätere Kriegstreiber Slobodan Milosevic war sich nach Überzeugung von Kucan überhaupt nicht bewusst, was das Debakel auf dem 14. KP-Kongress bedeutete. Er habe stets mit der Übermacht der Serben kalkuliert und sei sich sicher gewesen, dass „Jugoslawien ohne die Serben nicht existieren kann“. Der Zerfall des Staates sei für ihn selbst theoretisch undenkbar gewesen.

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