Paris - Als die Terrormiliz Islamischer Staat im Juni die Kontrolle über eine strategisch wichtige Stadt in Nordsyrien verlor, sollen einige ihrer Kämpfer einfach ihre Dschihadisten-Kleidung abgelegt haben, sich unter die syrischen Flüchtlinge gemischt haben und über die Grenze in die Türkei geflohen sein. Genau solche Szenen schüren in Europa die Angst vor als Flüchtlinge getarnte Terroristen - und bieten vielen Ländern ein willkommenes Argument, um die Aufnahme weiterer Menschen aus Syrien und anderen Krisenländern abzulehnen.
Die Einschätzungen der tatsächlichen Gefährdung sind unterschiedlich. Beobachter im Irak und in Syrien sagen, eine kleine Gruppe von IS-Extremisten habe sich in den vergangenen Wochen wohl unter die Flüchtlinge gemischt. Deutsche und französische Behörden betonten, ihnen lägen derzeit keine Belege dafür vor. Die Soufan Group, die auf Sicherheitsberatung spezialisiert ist, schließt eine Infiltration nicht aus, allerdings sei das Ausmaß der Gefahr unbekannt, was den Weg für Übertreibung und Missbrauch des Themas ebne.
Die Spitzenvertreter von Ländern, die keine oder kaum Flüchtlinge aufnehmen wollen, nennen die Angst vor Terroristen als eines ihrer Hauptargumente für ihre Ablehnung. Verstärkt wird die Sorge durch die Bilder von den Flüchtlingsmassen, die sich nur unter minimalen oder gar keinen Identitätskontrollen durch Europa bewegen.
Selbst Papst Franziskus mahnte zu Vorsicht. In einem Interview eines portugiesischen Kirchensenders betonte er zwar, dass die Bibel verlange, Fremde willkommen zu heißen. Er warnte aber zugleich: „Es ist wahr, dass es nur 400 Kilometer von Sizilien entfernt eine über alle Maße grausame, terroristische Guerilla-Gruppe gibt. Und es ist war, dass die Gefahr der Infiltration besteht.“
Auch in den USA bereiten die desorganisieren Kontrollen in Europa Kopfzerbrechen. „Wir schließen nicht aus, dass es der IS anstrebt, Kämpfer unter diesen Flüchtlingen einzuschleusen“, sagte Geheimdienstdirektor James Klapper vergangene Woche. Die USA würden aufs Schärfste die kleine Zahl von syrischen Flüchtlingen überprüfen, die sie aufnähmen. Aber er sei sich nicht sicher, ob alle europäischen Staaten eine ähnliche Wachsamkeit an den Tag legten.
Ein ranghoher irakischer Geheimdienstmitarbeiter erklärte, dass vermutlich 20 IS-Kämpfer aus Syrien und dem Irak in den vergangenen Wochen mit den Flüchtlingen nach Europa gereist seien, um Anschläge zu planen. Das Chaos der Massenbewegung Richtung Norden sei für die Terroristen eine Chance, die nie wieder kommen werde. Über die Aufenthaltsorte der Kämpfer sagte er nichts. Die irakische Regierung arbeite jedoch mit den europäischen Behörden zusammen, um diese Menschen zu verfolgen und ihre Pläne zu enthüllen.
Er und ein weiterer irakischer Beamter erklärten, dass sich zudem rund 100 mutmaßliche IS-Deserteure unter die Flüchtlinge gemischt hätten. Ob und welche Gefahr von ihnen ausgeht, ist völlig ungewiss.
Zwar hat die IS-Terrormiliz damit gedroht, auch Europa anzugreifen und damit für Angst gesorgt. Die Terroranschläge in Frankreich in diesem Jahr wurden aber von sogenannten homegrown terrorists verübt, also Menschen, die in dem Land aufgewachsen sind, dort gelebt haben und nicht extra für ihre Taten aus dem Ausland eingereist sind.
Magnus Ranstorp, ein schwedischer Antiterrorexperte, stellt klar, dass Europa ein Problem damit habe, dass sich seine eigenen Bürger radikalisierten - unabhängig davon, ob sich nun Menschen mit Verbindungen zu Terrorgruppen unter den Flüchtlingen befänden. Effiziente Untersuchungen während des Asylverfahrens, darunter die Abnahme von Fingerabdrücken, Fotos und der Austausch der europäischen Behörden untereinander, könnten das Risiko deutlich reduzieren. „Aber es gibt keinen Weg, bei dem man zu 100 Prozent garantieren kann, dass Terroristen nicht durchkommen“, sagt Ranstorp auch.
Damit befindet sich der schwedische Experte auf einer Linie mit der deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel. „Der Kampf gegen den Islamischen Staat bringt uns immer wieder in Erinnerung, dass Kämpfer dort aus unseren Ländern kommen, aus den Ländern Deutschland, Großbritannien, Frankreich, aus europäischen Ländern“, sagte sie vergangene Woche. „Das heißt, wir können nicht sagen: „Das ist da irgendwo ein Problem“, sondern es beschäftigt auch uns.“
