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Zweiter Weltkrieg Die Augen des sterbenden Soldaten

Jens Milde

Blexen - Dieses Bild wird Helmut Maukwitz nicht mehr los: Ein junger deutscher Soldat, er liegt schwer verwundet am Boden und bittet um Wasser. Helmut Maukwitz kniet sich zu ihm nieder. Er will ihm helfen. Aber er kommt zu spät. Eine Fliege setzt sich auf den aufgerissenen Augapfel des Soldaten. „Der Mann hat nicht mehr reagiert. Da habe ich gewusst, dass er tot ist.“

Helmut Maukwitz hat im Zweiten Weltkrieg und in der Zeit danach viele tote Menschen gesehen. Aber der junge Soldat, der am Straßenrand lag und verblutete, ist ihm nie mehr aus dem Sinn gegangen. „In meinen Alpträumen taucht er immer wieder auf. Manchmal sehe ich ihn in Gestalt meines Vaters. Er streckt mir seine Hand entgegen und fleht um Hilfe.“

Helmut Maukwitz ist 83 Jahre alt und wohnt in Blexen. Das Ende des Zweiten Weltkriegs ist 70 Jahre her. In diesen Tagen erinnert sich der Rentner oft an diese Zeit. Er wuchs in Berlin auf. Sein Vater war Schumacher. Als die Bomben immer häufiger auf die Stadt fielen, wurde er aufs Land geschickt. Auf dem Bauernhof in Radenau in Ostpreußen hielt er es gerade einmal zwei Tage aus. „Ich hatte Heimweh, wollte unbedingt zurück nach Hause.“ Elf Jahre war er damals alt. Zusammen mit einem Freund machte er sich auf den Weg zurück nach Berlin. 60 Kilometer Fußmarsch, den Rest der Strecke mit dem Zug. Die Fahrkarte verdienten sich die Knirpse, indem sie einer Frau auf dem Bahnhof in Insterburg die Koffer trugen.

Am 22. August 1943 kam Helmut Maukwitz wieder zu Hause an. In der folgenden Nacht krachte eine Bombe auf die Straße – direkt vor dem Haus. Helmut Maukwitz hatte sich mit seinen Eltern im Keller verkrochen. Trotzdem bekam er einen Granatsplitter ins Gesicht. Das Haus wurde völlig zerstört. Am nächsten Tag musste die Familie die Heimat verlassen. Für Helmut Maukwitz ging’s zurück ins ostpreußische Radenau, diesmal gemeinsam mit seinen Eltern.

Erste Zweifel

Helmut Maukwitz arbeitete dort auf einem Bauernhof, gemeinsam mit fünf russischen Kriegsgefangenen. Und hier kamen dem Steppke zum ersten Mal Zweifel, ob das alles stimmt, was sie ihm beim Jungvolk, der Vorstufe zur Hitler-Jugend, eingebläut hatten. „Die Russen waren nicht anders als wir. Dabei hatten sie uns immer erzählt, dass sie Sumpfmenschen sind.“

Die Odyssee der Familie Maukwitz ging weiter. Im Sommer 1944 hatte die Rote Armee das nordöstliche Ostpreußen so gut wie eingekesselt. „Wir wurden rausgebracht.“ Die nächste Station war das Dorf Wichstadel im Sudetenland. Hier erlebte der damals 13-Jährige das nackte Grauen.

Helmut Maukwitz erinnert sich, dass das Dorf immer wieder aus dem Wald heraus von Partisanen angegriffen wurde. Die Dorfbewohner, auch die Kinder, bekamen Gewehre mit Bajonett in die Hand gedrückt. „Wir wurden in den Wald geschickt und sollten kämpfen. Ich hatte die Hosen gestrichen voll. Ich glaube, außer Bäumen habe ich nichts getroffen.“

Am 8. Mai 1945 war der Krieg offiziell zu Ende. Für Helmut Maukwitz offenbarte er aber erst jetzt seine schrecklichste Fratze. Die Partisanen kamen. „Alle männlichen Bewohner, auch die Kinder, sollten sich auf dem Dorfplatz versammeln. Helmut Maukwitz ging nicht hin. Eine Frau versteckte die Familie in ihrem Haus. Helmut Maukwitz erinnert sich, dass er sich in einem Kamin verstecken sollte. Durch offene Fugen konnte er beobachten, was auf der anderen Straßenseite passierte. „Die Jungen mussten sich an einem Eisenzaun aufreihen. Hier wurden sie von den Partisanen zu Tode gepeitscht. Die Väter mussten sich das mit ansehen, bevor sie aufgehängt wurden.“

Helmut Maukwitz kam mit dem Leben davon. Gemeinsam mit seinem Vater und seiner Mutter machte er sich auf den Weg nach Berlin – das dauerte mehrere Wochen. Tausende Menschen waren auf der Flucht. „Wir hatten Hunger. Und wir haben alles probiert, was essbar sein könnte, sogar Gräser und Baumrinde.“

Kindheit gestohlen

Irgendwann blieb der Vater geschwächt zurück. „Frieda, bring den Jungen in Sicherheit, sagte er zu meiner Mutter. Anschließend habe ich ihn nie mehr gesehen.“ Auf dem lange Fußmarsch nach Berlin hatte Helmut Maukwitz auch die Begegnung mit dem sterbenden Soldaten, die ihn bis heute in seinen Träumen verfolgt. „Damals gab es noch kein Wort dafür“, sagt der Blexer heute, „aber wir waren alle traumatisiert. Eine Kindheit habe ich nie gehabt. Man hat uns gezwungen, wie Erwachsene zu denken und wie Erwachsene zu handeln.“

Wenn Helmut Maukwitz heute sieht, wie Menschen gegen Ausländer hetzen und rechte Parolen brüllen, wird er wütend. „Die haben keine Ahnung. Die wissen überhaupt nicht, was die Nazis uns angetan haben“, schimpft er. „Krieg ist das Schlimmste, was es gibt“, sagt der Rentner. „Aber es ist wichtig, dass der Krieg nicht in Vergessenheit gerät. Bald wird es keine Zeitzeugen mehr geben.“

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