Bockhorn - Als Dr. Joachim Hensel nach der Flucht aus Ostpreußen im Jahr 1945 in Schleswig-Holstein ankam, waren er und seine Familie in der neuen Heimat nicht willkommen. „Wir sind da miserabel aufgenommen worden. Mit sieben Personen waren wir in einem Zimmer, und wir durften dieses Zimmer nicht durch die Tür verlassen oder betreten. Wir mussten durchs Fenster steigen“, berichtet er.

Er weiß, wie es sich anfühlt, nach der Flucht in eine fremde Gegend zu kommen, nichts zu haben und auf Hilfe angewiesen zu sein. Dr. Joachim Hensel engagiert sich deswegen als Flüchtlingshelfer in der Gemeinde Bockhorn. Er und seine Familie wurden nach dem Zweiten Weltkrieg aus Ostpreußen vertrieben.

„Die Hausbesitzer, bei denen wir in Schleswig-Holstein untergekommen waren, hatten eine großen Schrank von außen vor die Tür unseres Zimmers gestellt, damit wir sie nicht aufbekommen. Ich weiß noch, wie meine Großmutter das zugefrorene Fenster erst mit heißem Wasser aufwärmen musste, damit wir es öffnen konnten, wenn wir nachts draußen in die Holzhütte im Garten zur Toilette wollten“, berichtet er.

Zu siebt saß die Familie des damals Fünfjährigen – allerdings ohne den Vater, der war im Krieg und kam auch nie zurück – in dem kleinen Zimmer, in dem ein Kanonenofen für Wärme sorgte. „Abends machte meine Großmutter das Licht aus und öffnete die Ofenklappe, und dann erzählte sie beim Feuerschein Geschichten“, sagt Hensel.

Von Ostpreußen ist er ins Rheinland gezogen, dann nach Heidelberg und Hamburg zum Medizinstudium. 1976 kam er mit seiner Frau und seinen beiden Töchtern – die dritte wurde erst später geboren – nach Bockhorn und gründete eine Arztpraxis am Markt. „Hier haben ich zum ersten Mal das Gefühl von Heimat gehabt“, sagt er heute.

In Bockhorn hat er sich dann viel mit dem Schicksal von Heimatvertriebenen beschäftigt. Er berichtet von zwei Besonderheiten in der Gemeinde:  Nach dem Zweiten Weltkrieg war eine katholische Kirchengemeinde mit vielen Gläubigen fast geschlossen nach Bockhorn gekommen. Sie haben die katholische Kirche St.-Maria-im-Hilgenholt gebaut. „Die Flüchtlinge bekamen schnell Arbeitsstellen in den Ziegeleien. Mit diesen Ziegeln haben sie ihre Kirche und die Häuser gebaut – vor allem in der Schlesier- und Ostlandstraße. Sie waren verbunden durch ihre Erlebnisse der kollektiven Flucht“, sagt Dr. Joachim Hensel. In Bockhorn leben noch heute Menschen, die damals von der kurischen Nehrung geflohen sind. Dort sprachen die Fischer eine eigene Alltags- und Arbeitssprache. „Und die letzten weltweit, die diese Sprache gesprochen haben, lebten und leben in Bockhorn“, sagt Hensel. „Die Sprache drohte auszusterben“, sagt er. Deswegen habe er sich dafür eingesetzt, dass ein Wörterbuch der kurischen Sprache herausgegeben wurde. Hensel hat sich zum Experten dieser Sprache und Kultur weitergebildet.

Sandra Binkenstein
Sandra Binkenstein Thementeam Soziales