Warfleth - Um 4 Uhr morgens kam der Gauleiter ins Dorf und schrie, der Russe sei durchgebrochen, in zwei Stunden sei Abmarsch: Alle müssten das Dorf verlassen. Es war der Morgen des 6. Januar 1945. Und an diesem Morgen sollte sich das Leben des kleinen Klaus Gabel, damals vier Jahre alt, schlagartig ändern. An diesem Morgen begann für ihn und seine Familie die Flucht aus Schlesien. Sie sollte Monate dauern.
Seit 20 Jahren lebt Klaus Gabel in Warfleth. Die Nachrichten über die Flüchtlinge, die nach Europa strömen, haben ihn an seine eigene Flucht denken lassen. Sein Vater und der Opa waren damals noch im Krieg. Also machte sich die Oma mit ihren beiden Töchtern Meta und Else und eben den beiden Enkeln Wolfgang und Klaus in der Nähe von Breslau auf den Weg. „Mutter holte uns aus dem Bett. Zwei Unterhosen und zwei Jacken mussten wir anziehen“, so Gabel. Dann ging es los: „Die Pferde waren vom Militär schon beschlagnahmt worden, Oma musste also die beiden Milchkühe Jette und Grete an den Leiterwagen spannen.“
Wasser vergiftet
Mit Stroh und Lebensmitteln war das Fuhrwerk beladen. Die Frauen reihten sich mit den Kindern in den Flüchtlingstreck ein. „Der war kilometerlang. Fuhrwerk an Fuhrwerk“, erinnert sich der Warflether.
Es ging Richtung Ostsee. Bei minus 24 Grad Celsius. „An diese Kälte kann ich mich noch gut erinnern. Die war unglaublich, eine Tortur für uns und die Kühe.“ Nur langsam kamen die Flüchtenden voran, immer wieder wurde gestoppt, wenn das Militär vorbei wollte. Dann war der Fluchtweg über die zugefrorene Ostsee abgeschnitten, weil russische Truppen den Abschnitt bereits erobert hatten. „Also mussten wir wieder zurück und es über Land versuchen.“
Nach acht Tagen kam die Familie in Tschechien an. Alle waren durstig. Anstelle von Wasser hatte es nur noch Schnee gegeben. „Dort gab es endlich Brunnen“, so Gabel. Seine Oma wollte die Tiere tränken. Die Warnung der DRK-Helfer, das Wasser sei vergiftet, kam zu spät: „Die erste Kuh war schon tot umgefallen.“ Das zweite Tier war zu schwach, um den Karren weiter zu ziehen. Also schulterten Frauen und Kinder was sie tragen konnten und gingen zu Fuß weiter. Manchmal hatten sie Glück – konnten ein Stück mit der Bahn oder einem Lastwagen zurücklegen.
Dann kam die Familie durch Dresden: „Das war zwei Tage vorher bombardiert worden. Überall lagen unförmige schwarze Klumpen. ,Guck’ da nicht hin’, sagte meine Mutter. Wir erfuhren erst später, dass das verbrannte Menschen waren.“
Weiter ging es. Immer gen Westen. Wochen nach ihrem Aufbruch in Schlesien landete die Oma mit ihren Töchtern und Enkeln in Kohren-Sahlis (Sachsen). „Uns wurde von der Reichsverwaltung ein Zimmer zugewiesen, der Hausbesitzer war nicht gerade von den Flüchtlingen in seinem Haus begeistert.“ Die Flüchtlinge durften morgens die Küche benutzen, die Eigentümer den Rest des Tages.
Vergewaltigungen
Dann kamen die Amerikaner: „Es wurde geplündert, aber manchmal bekamen wir Kinder Bonbons. Dann kamen die Russen und plünderten auch wieder.“ Damals wurde Klaus Gabel Zeuge von Dingen, die er als Kind noch nicht verstand: Vergewaltigungen. „Die Frauen ließen es meistens über sich ergehen. Wehren konnten sie sich nicht. Die Kinder haben oft zugesehen.“
Auch diese Zeit ging vorbei. Opa und Vater kehrten heim. Ende 46 konnte die Familie ein altes Haus anmieten, endlich gab es wieder ein Zuhause. Später verschlug es Gabels nach Bremen, wo sie einen Schrebergarten kauften und in einem kleinen Häuschen lebten. „Erst ab 1950 stellte sich Normalität ein.“
