Kairo - Al-Kaida hat sich zu dem Angriff auf ein Hotel in Mali mit 19 Toten bekannt. Damit versucht das Terrornetzwerk offenbar, seine Relevanz im Kampf um die Vorreiterrolle in der weltweiten Dschihadisten-Bewegung zur Geltung zu bringen - und auf die Terroranschläge des sogenannten Islamischen Staats in Paris mit 130 Toten zu reagieren.
Beide Organisationen befinden sich im Krieg gegen die westliche Welt und haben sich einer Wiederbelebung des islamischen Kalifats verschrieben. Sie sind jedoch in zentralen Fragen nach Strategie und Führung zerstritten. In Syrien haben sie sogar direkt gegeneinander gekämpft.
Der Anschlag auf das Radisson Blu Hotel in Bamako am vergangenen Freitag geschah genau eine Woche nach dem Blutbad in Paris durch den IS. Verantwortlich zeigte sich Al-Kaida und die nordafrikanische Dschihadisten-Gruppe Al-Murabitun, die sich 2013 unter der Führung von Topterrorist Mokhtar Belmokhtar von dem Terrornetzwerk abgespalten hat. Ziel des Angriffs in der malischen Hauptstadt ist vermutlich, die Friedensverhandlungen mit bewaffneten Gruppen im Norden des Landes zu stören. Diese haben in den vergangenen Monaten erste zögerliche Fortschritte gemacht.
Fachleute nehmen außerdem an, dass der Anschlag auch eine Erinnerung daran sein sollte, dass die von Osama bin Laden gegründete Bewegung noch nicht völlig vom IS degradiert und verdrängt wurde. „Al-Kaida und seine internationalen Untergruppen wurden vom IS überflügelt und sie müssen nun zeigen, dass sie noch da sind“, sagt Djallil Lounnes, marokkanischer Experte für radikale Gruppen in der Sahara-Region.
Ein Überblick über die Rivalität zwischen Al-Kaida und IS:
DIE URSPRÜNGE:
Der heutige IS hat seinen Ursprung als Ableger von Al-Kaida im Irak. Hier kämpften die Extremisten gegen US-Truppen und verübten großangelegte Anschläge auf die schiitische Mehrheit des Landes.
Von Beginn an herrschten Spannungen zwischen der Al-Kaida-Führung und der Untergruppe, die von dem jordanischen Terroristen Abu Mussab al-Sarkawi angeführt wurde. In einem Brief, der 2005 von US-Geheimdiensten abgefangen und veröffentlicht wurde, kritisiert bin Ladens Stellvertreter Aiman al-Sawahiri die Brutalität al-Sarkawis gegenüber schiitischen Zivilisten. Er fürchtete, dass dadurch Muslime gegen die Gruppe aufgebracht werden könnten. Al-Sarkawi wurde 2006 bei einem US-Luftangriff getötet. Bis heute gilt er als der Gründer des Islamischen Staates und dessen brutaler Vorgehensweise.
DER BRUCH:
2013 änderte der heutige IS-Anführer Abu Bakr al-Bagdadi den Namen der Gruppe in „Islamischer Staat im Irak und in Syrien“ (ISIS) und machte damit seine Machtansprüche in den beiden Ländern deutlich. Die Nusra-Front, der Al-Kaida-Ableger in Syrien, wies den Anspruch zurück und schwor stattdessen al-Sawahiri die Treue. Dieser wies al-Bagdadi an, seine Aktionen auf den Irak zu begrenzen.
Al-Bagdadi weigerte sich. 2014 bekämpften sich die Nusra-Front und der IS verbittert in Nordsyrien. Der Bruch hallte in der muslimischen Welt nach: Al-Kaida-Untergruppen im Jemen und in Nordafrika schworen ihre Loyalität zu al-Sawahiri, während sich andere Gruppen dem IS angeschlossen haben.
DIE UNTERSCHIEDE:
Beide Gruppen wollen den Einfluss der westlichen Welt auf den Nahen Osten beenden und Muslime unter einem länderübergreifenden Kalifat vereinen, in dem eine strenge Version des islamisches Rechts gelten soll. Die Frage nach der richtigen Taktik spaltet die Gruppen jedoch.
Bin Laden glaubte, dass Angriffe auf den „fernen Feind“ - also die USA - deren Unterstützung für den „nahen Feind“, die arabischen Autokraten, schwächt und Muslime für den Sturz der Regierungen vereinen würde. Unter al-Sawahiri haben lokale Al-Kaida-Ableger das Chaos nach dem Arabischen Frühlings genutzt, um sich mit anderen Aufständischen zu verbünden. In Ländern wie Syrien oder dem Jemen sichern sie sich lokale Unterstützung, indem sie soziale Hilfe leisten. Für Bin Laden, der 2011 bei einem US-Angriff in Pakistan ums Leben kam, und al-Sawahiri war die Errichtung eines Kalifats ein nur vage definiertes Endziel.
Der IS versucht dagegen Territorien in Syrien und im Irak zu erobern und Untergruppen überall im Nahen Osten hervorzubringen. Im Sommer 2014 rief die Terrormiliz ihr Kalifat aus. Al-Bagdadi deklariert für sich, der Anführer aller 1,6 Milliarden Muslime auf der Welt zu sein. Von diesen verurteilt die überwältigende Mehrheit sein brutales Vorgehen allerdings auf Schärfste.
Der IS sieht Al-Kaida sowohl als überholt als auch als abtrünnige Bewegung an, weil es die Autorität von al-Bagdadi nicht anerkennen. In der Tat sprechen Anhänger von Al-Kaida hinsichtlich des IS nur abfällig von „al-Bagdadis Gruppe“.
DIE RIVALITÄT:
Die Anschläge von Paris waren ein bedingungsloser Rüffel für Al-Kaida. Das Terrornetzwerk selbst hat seit mehreren Jahren keine Anschläge dieser Größenordnung mehr verüben können. Sollte sich der Angriff in Mali als eine Art Antwort darauf herausstellen, könnte das eine neue Ära der Konkurrenz zwischen den beiden Gruppen einläuten. Ergebnis dieser Rivalität wären vermutlich noch verheerendere Angriffe, die in dem Versuch verübt werden, den jeweils anderen zu übertrumpfen.
