Bürgerfelde - Grüne Frösche, Lakritzschnecken, Brausetaler, Zuckerstangen, Erdbeerkaugummi und Eis am Stil: Lothar Wagner erfüllt sieben Tage die Woche Wünsche. Kurzentschlossene versorgt er selbst sonntags in seinem kleinen Kiosk am Babenend in Bürgerfelde mit überlebenswichtigen Dosenravioli, Kartoffelchips und Kondensmilchpackungen.
In der Auslage liegen TV-Magazine und Zeitungen. Eine schreibt: „Ehepaar macht Kiosk dicht“. Darunter sind viele Bilder von einem sehr traurigen Lothar Wagner zu sehen. Vor zwei Tagen waren die Journalisten da. Jetzt steht schon wieder eine Reporterin vor der Tür.
Lothar Wagner ist immer noch traurig. „Ich vertraue keinem mehr“, sagt er und kramt einen Stapel Fotos hervor: Zeugnis seines zerstörten Glücks. Mit dem Handy hat er Bilder gemacht, nach dem Überfall. Mitte letzter Woche war das. Gleich zwei Mal. Und die Polizei macht nichts. Sagt Lothar Wagner. Dann sprudelt es aus dem Oldenburger heraus: Mittwochmittag, er wollte gerade zum Einkaufen fahren, habe da dieser Mann gestanden. Ein Zwei-Meter-Hüne. „Ich will Geld“, soll er geschrien und dann nach dem überrumpelten 72-Jährigen getreten haben.
Bekannter Unbekannter
So leicht ist Lothar Wagner aber nicht umzuhauen. 30 Jahre Boxtraining rechnen sich im Ernstfall. Ein gezielter Schlag mit dem Schlüsselbund habe den Angreifer zu Fall gebracht. Eine Schnittwunde vom gezückten Messer hat der Rentner sich dennoch zugezogen. Er zerrt sein Hemd hoch: „Da.“ Das habe er alles auch schon der „Bild“-Zeitung erzählt. An die habe er sich gewendet, um Druck zu machen, sagt er. Weil der große Unbekannte nicht weggesperrt worden ist. Obwohl er wiedergekommen ist. „Um sich zu rächen.“ Gleich am nächsten Tag.
„Und da“, sagt Lothar Wagner, „hat er mir den ganzen Laden zerkloppt.“ Mit einem Hammer habe der Wiederholungstäter auf das Inventar eingedroschen. Weder Wurstwärmer noch Mini-Kühlschrank haben die Attacke überlebt. Grüne Frösche und saure Drops waren von Glassplittern übersät. Und Lothar Wagner: „fertig mit der Welt“. Vertrieben hat er den Wüstling mit Pfefferspray – während die Polizei auf sich warten ließ. Sagt Lothar Wagner.
Die Polizei sagt: „Das sind alles recht widersprüchliche Aussagen.“ Pressesprecher Rolf Kramer kramt in den Aufzeichnungen der Kollegen. Daraus geht hervor, dass die Beamten einmal vor Ort waren, weil es zu einer Eskalation kam. Unbekannt darf der ungebetene Besucher dem Kioskinhaber allerdings nicht gewesen sein: „Das ist der Lebensgefährte der Tochter“, sagt Rolf Kramer.
Der habe, nach eigener Aussage, die Freundin unterstützen wollen: Weil sie einen offenen Lohn bei den Eltern habe einfordern wollen. „Ein typischer Geldstreit“, sagt der Polizeisprecher. Inwieweit die gestellten Ansprüche berechtigt seien, sei noch nicht geklärt. Eine Anzeige wegen Verdachts auf räuberische Erpressung sei erstattet worden. Alles Weitere müsse auf juristischer Ebene entschieden werden.
Sorgen und Sehnsüchte
Lothar Wagner hat sein Urteil längst gefällt: „Wir sind machtlos“, sagt er. Angst habe er. Und Sorge um seine Frau. Silvia. Zwei Herzinfarkte hatte die schon. Und zwei Schlaganfälle. Der Kummer des Paares hat lange vor den Überfällen angefangen: Da war der Secondhandladen, den sie haben schließen müssen. Da sind die Geldnöte: 98 Euro Rente bekomme der 72-Jährige im Monat. „Wir leben von Stütze“, sagt er.
Der Kiosk sollte ein Neustart sein. „Dafür verzichten wir auf alles.“ 90 Stunden die Woche versüßt das Paar der Bürgerfelder Nachbarschaft das Leben. Stammkunden sind neben kleinen Zuckerschnuten Ältere, die ihren Rollator zwischen Plastikmöbeln parken und klönen. „Die meinen alle, wir sollen uns nicht unterkriegen lassen“, sagt Lothar Wagner. Er deutet mit dem Daumen hinter sich. In der winzigen Stube hinter dem Verkaufstresen sitzt Silvia, die nachts nicht mehr schläft, und spricht mit einer Frau von der Opferberatung Weißer Ring. „Sie soll jetzt Hilfe kriegen. Psychologische“, sagt ihr Mann. Von seiner Tochter sagt er nichts.
Ihren Partner hat die Polizei aufgefordert, sich von den Eltern fernzuhalten: „Platzverweis“, sagt Rolf Kramer: „Für einen Haftbefehl reiche das alles nicht aus.“ Lothar Wagner trägt derweil ein Messer und viel Groll mit sich herum. Vielleicht auch auf das bittere Leben hinter grünen Fröschen, Lakritzschnecken, Brausetalern, Zuckerstangen, Erdbeerkaugummi und Eis am Stil.
