Oldenburg - Zuletzt hat Fernsehjournalist und Tagesthemen-Moderator Thomas Roth sie in Leipzig gesehen. Sie trug ein schlichtes, magentafarbenes Kleid und erhielt den Preis „Für die Freiheit und Zukunft der Medien“. Für die Freiheit ihrer Worte musste sie im Oktober 2006 mit dem Leben bezahlen.
So erinnerte sich Roth am Montagabend an die letzte Begegnung mit der russischen Journalistin Anna Politkowskaja. In einem Vortrag sprach er über ihre Arbeit, ihre Ermordung und berichtete über die Pressefreiheit in Russland. Der Freundeskreis des Staatstheaters hatte dazu geladen. Anlass war die deutschsprachige Erstaufführung des Stücks „Eine nicht umerziehbare Frau“ über Anna Politkowskaja, das am 12. Oktober Premiere in Oldenburg feierte.
Thomas Roth lebte und arbeitete neun Jahre in Russland und kannte Anna Politkowskaja persönlich. Er berichtet vom russischen Journalismus als nationale Propaganda: Die Sender seien staatlich organisiert, die Wahrheit werde verbogen und geschönt. Dass das gelinge, erklärte Roth unter anderem mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion. Während der 1990er Jahre herrschte Chaos, erst Putin brachte wieder Ordnung in das Land. Deshalb erkennen die Russen ihn als stabilen Führer an, sagte Roth.
Politkowskaja äußerte sich kritisch über das System Putin, über Korruption, Machtmissbrauch und Kriegsverbrechen in Tschetschenien. Deswegen musste ihre Stimme wohl zum Schweigen gebracht werden. „Die Staatsmacht, sie wolle nicht gestört werden“, schrieb sie kurz vor ihrer Ermordung. Das, so Roth, sei extrem gefährlich in Russland: „Wer so etwas in Russland schreibt, muss sich fürchten.“
In ihrer Rolle als Journalistin war sie beharrlich, ließ sich trotz Drohungen und einem Giftanschlag nicht umstimmen. „Ich tue, was ich tun muss“, hatte sie gesagt. Im Oktober 2006 wurde sie schließlich im Treppenhaus ihrer Wohnung erschossen. Drei tschetschenische Männer wurden verurteilt. „Wer sind die Hintermänner?“, fragte Roth. Seit dem Ende der Sowjetunion seien rund 300 Journalisten zu Tode gekommen.
Trotzdem, so Roth: „Wir sind auf vielerlei Weise mit Russland verbunden. Wir brauchen den Dialog, gerade wenn es schwierig ist.“ Dabei dürfe ein klarer Blick nicht verloren gehen, sagt er weiter: „Pressefreiheit ist ein Teil des Friedens, den wir nicht aufs Spiel setzten sollten.“
