Ursula Helmhold (55) ist Gesundheitsexpertin der Grünen-Landtagsfraktion in Niedersachsen.
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FRAGE:
Frau Helmhold, wie groß ist der Bedarf für eine Pflegereform?
HELMHOLD
: Sehr groß. Die Pflegebedürftigen in Deutschland werden defizitär versorgt. Bei der heutigen Minutenpflege wird alles abgetaktet und entsprechend abgerechnet. Wir brauchen endlich einen neuen Pflegebegriff, der beispielsweise auch Demenzkranke besser in den Blick nimmt. Die Zahl der Pflegebedürftigen in Niedersachsen von derzeit rund 256 000 wird sich nach Prognosen bis zum Jahr 2050 verdoppeln.
FRAGE:
Welche Angebote werden gebraucht?
HELMHOLD
: Viele Vorschläge sind vorhanden, sie müssen nur noch umgesetzt werden. Es ist längst bekannt, wie man die pflegebedürftigen Menschen besser begutachten kann, so dass sie die Leistungen erhalten, die sie benötigen. Dazu liegt auch ein Gutachten vor. Für die Umsetzung ist Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr zuständig. Er hat es bisher wie sein Amtsvorgänger Philipp Rösler sträflich vernachlässigt.
FRAGE:
Warum dauert die Umsetzung so lange?
HELMHOLD
: Das liegt daran, dass die Frage der Finanzierung ungeklärt ist. Das wird mehr kosten. Daran kommen wir nicht vorbei. Wir schlagen zur Finanzierung eine Pflegebürgerversicherung vor. Das bedeutet, dass man Pflegebeiträge nicht nur auf das Arbeitseinkommen zahlt, sondern dass alle Einkünfte herangezogen werden, also auch Einnahmen aus Vermietung und Verpachtung sowie Vermögen.
FRAGE:
Ist Niedersachsen vorbereitet?
HELMHOLD
: Wir brauchen eine bessere Versorgung älterer Menschen. Im Vergleich der Bundesländer rangiert Niedersachsen bei der stationären geriatrischen Versorgung sowie beim Angebot für Reha-Maßnahmen auf den letzten Plätzen. Die Höhe der Pflegesätze liegt im Schnitt 20 Prozent unter dem anderer Bundesländer. Das macht es schwierig, Arbeitskräfte zu finden.
FRAGE:
Was schlagen Sie vor?
HELMHOLD
: Wir brauchen ein ganzes Maßnahmenbündel. Zunächst muss man die Bedingungen bei der Einstufung verbessern. Zum anderen brauchen wir andere Strukturen. Wir müssen viel mehr Kurzzeitpflegeeinrichtungen haben, vor allem mit rehabilitativen Angeboten. Die Tagespflege muss ausgebaut werden zur Entlastung pflegender Angehöriger. Wir brauchen andere Angebote bei den Wohnformen, weil nicht alles stationär geregelt werden kann.