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Ruhestand Dienstschluss nach 36 gut gelaunten Jahren

Jantje Ziegeler

Wildeshausen - Normalerweise läuft es so ab: Richter Werner Schulz betritt morgens fröhlich und gut gelaunt sein Büro, den Raum 155 am Amtsgericht Wildeshausen. Vermutlich pfeift Schulz dabei ein Liedchen. Auf seinem Schreibtisch erwarten ihn rote und grüne Akten. Die roten sind Strafsachen, die grünen Betreuungsangelegenheiten. Ob er die einen lieber bearbeitet als die anderen? Nö. „Das ist egal, wie sie eben kommen“, winkt Schulz ab. Muss ja eh alles gemacht werden.

Am Montag stand nun die letzte Gerichtsverhandlung (eine Trunkenheitsfahrt) für den 63-Jährigen an. Am Donnerstag tritt er seinen Resturlaub an, am 31. Oktober wird er in den Ruhestand verabschiedet.

Zufällig Jurist

Dass Schulz im juristischen Bereich gelandet ist, war ein „Zufallstreffer“, wie er erzählt. Aufgewachsen ist er in Hockensberg, das Abitur legte er in Ahlhorn ab. Seine Eltern, die früh verstarben, hatten eine Landwirtschaft. „Der älteste Sohn übernimmt traditionell den Hof“, erklärt Schulz, „ich bin der zweitälteste und musste mir was anderes suchen.“ Die Landwirtschaft war aber eh nicht so sein Ding, daher sah er sich aufmerksam einen Berufsratgeber von A bis Z an, den ihm seine Tante mitgebracht hatte.

„Rechtswissenschaften fand ich ganz interessant“, erinnert sich Schulz. Er hatte bis dahin weder einen Bezug zur Juristerei noch Vorwissen. Aber: „Ich hatte Verwandte in Göttingen.“ Also schrieb er sich in Göttingen für Jura ein. „Das war o.k., es hat Spaß gemacht.“ Nach seinem 1. Staatsexamen trat Schulz 1977 als Referendar in den Justizdienst Niedersachsen am Oberlandesgericht Oldenburg ein. „Da kam mein Faible fürs Strafrecht“, sagt Schulz. Am 22. Oktober 1979 wurde er zum Richter ernannt. Seine Assessorenzeit leistete Schulz am Landgericht Oldenburg, am Amtsgericht Emden sowie in der Staatsanwaltschaft Oldenburg. Wie sich herauskristallisierte, fand Schulz insbesondere an der Arbeit in der Staatsanwaltschaft Gefallen. 1982 – Schulz hatte ein Jahr zuvor geheiratet und bekam mit seiner Frau Rita zusammen Sohn Christian – bewarb er sich dort. Es klappte. „Wenn man da jung hinkommt, nimmt man das, was einem vorgesetzt wird“, sagt Schulz. In seinem Fall war das das Dezernat für Jugendstrafsachen und Brandstiftungsdelikte.

1984 zog Schulz mit seiner Familie – ein Jahr zuvor war Tochter Martina zur Welt gekommen – von Neerstedt nach Wildeshausen, baute 1988 auf dem Voßberg in Dötlingen. Als 1991 das Amtsgericht Wildeshausen neu eröffnet wurde, musste Schulz sich entscheiden. Weiterhin bei der Staatsanwaltschaft bleiben und Karriere machen? Oder lieber näher an der Familie als Richter tätig sein?

Neue Aufgaben

Im September 1992 fing Schulz am Amtsgericht Wildeshausen an. „Ich hab’ mich gefreut auf Straf- und Jugendsachen“, erinnert sich Schulz. Auf Anweisung des damaligen Direktors Hans Siedenburg übernahm Schulz auch einen weiteren Bereich, von dem er bis dahin keine Ahnung gehabt hatte: das Betreuungsrecht.

So handelt es sich bei den grünen Akten, die nun auf Schulz’ Schreibtisch liegen, um Menschen, die nicht mehr für sich selbst entscheiden können und auf einen Betreuer angewiesen sind. Schulz gefällt diese Aufgabe. „Ich komme sehr viel rum, weil ich die Menschen ja besuchen muss, dann bin ich mal vom Schreibtisch weg.“ Zudem hat Schulz am Amtsgericht auch den Vorsitz des Schöffen- und Jugendschöffengerichts inne.

Was war denn die spektakulärste rote Akte, mit der er sich als Jugend- oder Erwachsenen-Strafrichter befassen musste? „Och“, Schulz guckt angestrengt, überlegt. „Einmal war das Fernsehen hier“, meint er dann. Ein Verfahren aus Ahlhorn. Die Mutter eines Sohnes, der sich an seiner Stieftochter vergangen hatte, musste sich wegen ihres möglichen Wissens um die Straftat verantworten.

Nicht nur seine beiden Enkelkinder, zu denen sich im kommenden Jahr zwei weitere gesellen werden, werden dafür sorgen, dass Schulz nicht langweilig werden wird im Ruhestand. „Ich bin kirchlich sehr engagiert“, erzählt der 63-Jährige, „das bleibt auch noch so, bis ich 65 bin.“ Und falls sich doch Langeweile auftue, „dann werde ich was finden“, ist sich Schulz sicher.

Was ihn aufregt, ist, wenn er von Außenstehenden in Bezug auf straffällig gewordene Jugendliche hört: „Da müsste man mehr draufhauen und Härte zeigen.“ Schulz – der nicht gerade als der Härteste gilt – meint: „Das gilt nur so lange, bis es das eigene Kind trifft. Man darf sich nicht verrückt machen lassen von solchen Leuten. Als wenn man durch Härte was erreichen kann.“ Jugendliche Intensivtäter gebe es in Wildeshausen ohnehin nicht.

Gute Zusammenarbeit

Traurig macht ihn der Gedanke daran, dass er künftig nicht mehr mit den Kollegen zusammenarbeitet, zu denen sich über Jahre hinweg „ein tolles Verhältnis“ entwickelt hat. Zum Beispiel durch die Zusammenarbeit mit Jugendamt und -gerichtshilfe. Oder mit dem Verein „Die Brücke“.

„Das war ’ne schöne Zeit hier“, resümiert Schulz. „Aber wat mutt, dat mutt.“

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