Rom - Die Rettung Hunderter Migranten von führerlosen Schiffen im Mittelmeer hat massive Diskussionen über diese neue Methode der Menschenschmuggler-Banden entfacht. Diese Taktiken erforderten auch neue Antworten, sagten am Samstag die Chefs der Deutschen Polizeigewerkschaft und der Bundespolizeigewerkschaft DPolG, Rainer Wendt und Ernst Walter. Das jetzige Verfahren sei „völlig verfehlt“. Auch Grünen-Chefin Simone Peter forderte die EU angesichts der Tragödien auf, „ihre grausame Abschottungspolitik“ zu beenden.

Die etwa 360 Migranten auf dem von der italienischen Küstenwache geretteten führerlosen Frachter „Ezadeen“ gingen unterdessen im Hafen der süditalienischen Stadt Corigliano Calabro an Land. Die Menschen stammten überwiegend aus Syrien, unter ihnen waren laut Nachrichtenagentur Ansa auch viele Kinder und schwangere Frauen. Sie konnten am Samstagmorgen den fast 50 Jahre alten Frachter verlassen und wurden medizinisch betreut und in Aufnahmelager gebracht.

Die Flüchtlinge waren während der Fahrt über das Mittelmeer von Schleusern auf dem manövrierunfähigen Schiff ohne Treibstoff ihrem Schicksal überlassen worden. Es ist der zweite derartige Vorfall innerhalb weniger Tage, erst am Mittwoch hatte die Küstenwache fast 800 Migranten auf dem führerlosen Frachter „Blue Sky M“ gerettet, der mit Autopilot auf die felsige Küste Italiens zusteuerte.

Seit September sei ein Trend zum Einsatz von Frachtschiffen zu beobachten, um „die Zahl der Flüchtlinge auf den Booten zu erhöhen“, sagte Carlotta Sami, die Sprecherin der UN-Flüchtlingsorganisation UNHCR für Südeuropa, der Zeitung „La Repubblica“. Mit dem Ende des italienischen Rettungseinsatzes „Mare Nostrum“ wachse der Druck auf Länder wie die Türkei und Griechenland.

Wendt nannte es einen großen Fehler, dass „Mare Nostrum“ vom Einsatz „Triton“ abgelöst wurde, der von der EU-Grenzschutzagentur Frontex koordiniert wird. Nun werde den gut organisierten „Schleusern das ganze Mittelmeer überlassen, und nur in Küstennähe wird Europa aktiv, sagte Wendt dem „Handelsblatt“ (Online-Ausgabe).

„Die Europäische Union wäre gut beraten, in den (Mittelmeer-) Anrainerstaaten mit Verhandlungen, Anreizen und Beratung dafür zu sorgen, dass Flüchtlinge möglichst gar nicht erst diese Schrottkähne besteigen können.“ Asylbegehren könnten außerhalb der EU vorgeprüft werden, sagte Wendt.

Grünen-Chefin Peter forderte, den Flüchtlingen müsse „ein sicherer Zugang zu Europa gewährt werden“. „Es ist zynisch, wenn die Bundesregierung einen Strategiewechsel in der europäischen Asylpolitik nicht für erforderlich hält und alleine Schleuser für diese Dramen auf dem Meer verantwortlich macht“, kritisierte sie.

Italiens Küstenwache hatte den fast 50 Jahre alte Viehtransporter „Ezadeen“, der unter der Flagge Sierra Leones fuhr, am Donnerstag entdeckt. Mit Hunderten Migranten an Bord trieb das Schiff manövrierunfähig vor der italienischen Küste. In einer dramatischen Rettungsaktion seilten sich die Einsatzkräfte von einem Helikopter auf das Schiff ab. Anschließend wurde es zur Küste geschleppt.

„Die Frachter müssten eigentlich sicherer sein als die kleinen Boote“, erklärte Sami. „Aber es handelt sich um alte Schiffe ohne elektronische Ausrüstung oder Radar. Das erhöht das Risiko von Tragödien.“ Auch die italienische Küstenwache warnte vor der Gefahr führerloser Frachter auf Autopilot für andere Schiffe.