Herr Dr. Liersch, während der Corona-Krise sind unzählige Schwimmkurse ausgefallen. Wie stark ist Niedersachsen betroffen?
Liersch Corona-bedingt durften seit Mitte März keine Schwimmkurse in Niedersachsen stattfinden. Inzwischen werden sie wieder angeboten. Aber die Zahl der Nichtschwimmer ist deutlich angestiegen. Wir gehen davon aus, dass ein gesamter Jahrgang, also 75 000 Kinder, nicht schwimmen lernt.
Gibt es lange Wartezeiten bei den Schwimmkursen?
Liersch Das ist von Ortsgruppe zu Ortsgruppe unterschiedlich. Aber schon vor Corona gab es Wartezeiten von bis zu einem Jahr – auch weil die Schwimmkapazitäten in den Bädern fehlen. Diese Wartezeiten werden sich verlängern.
Sind inzwischen alle Freibäder im Land wieder geöffnet?
Liersch Als DLRG haben wir da keinen vollständigen Überblick. Viele Freibäder sind geöffnet, aber aufgrund des eingeschränkten Zugangs kann nicht im gleichen Umfang wie früher wieder Ausbildung stattfinden.
Werden die Kommunen bei den Freibädern sparen?
Liersch Hallen- und Freibäder gehören zu den größten Ausgabepositionen. Schon seit Jahren kürzen die Kommunen bei den sogenannten freiwilligen Leistungen. Ich hoffe, dass die Kommunen in die Bäder investieren
Wie sehr hat der Schwimmunterricht in den Schulen unter der Krise gelitten?
Liersch Wir sind mit dem Kultusministerium im Gespräch. Denn im zweiten Halbjahr des vergangenen Schuljahrs hat quasi kein Schwimmunterricht stattgefunden. Um das aufzuholen, muss man in den nächsten Jahren mehr Unterricht anbieten. Als DLRG fordern wir, dass die Schulen nicht nur einmalig pro Jahrgang Schwimmunterricht anbieten, sondern den Nachschulungsbedarf in den höheren Jahrgängen überprüfen.
Welche Forderung an die Politik haben Sie?
Liersch Erstes Ziel muss sein, die Schwimmfähigkeit insgesamt wieder zu steigern. Heute kann die Hälfte aller Schüler nach der 4. Klasse nicht sicher schwimmen. Das ist ein unhaltbarer Zustand. Wir appellieren an Politik, aber auch Gesellschaft, sich dieses Themas anzunehmen.
Zurück zum DLRG-Landesverband: Gibt es Nachwuchssorgen?
Liersch Wir haben seit vielen Jahren eine erfreuliche Tendenz nach oben und aktuell rund 92 000 Mitglieder. Dennoch müssen wir uns attraktiv aufstellen, weil es zunehmend andere Freizeitaktivitäten für Kinder und Jugendliche gibt. Die Möglichkeit, am Wasser seine Freizeit zu gestalten, ist eine attraktive Rahmenbedingung.
Sind alle Wachtürme an Seen und an der Küste besetzt?
Liersch Ich gehe davon aus, allerdings natürlich zeitlich eingeschränkt. Wir machen das alles ehrenamtlich, daher sollten sich die Schwimmer informieren, wann welche Wachstation besetzt ist.
Profitiert die DLRG vom Rettungspaket des Landes?
Liersch Nein, leider nicht. Wir haben erhebliche finanzielle Einbußen. Unsere Ortsgruppen hatten insgesamt bis Mitte Mai rund 800 000 Euro weniger an Einnahmen, weil Kurse und Einsätze in der Corona-Krise ausgefallen sind. Auf der anderen Seite nimmt das Land unsere Hilfe in Katastrophenlagen gern in Anspruch. Das geht aber nur, wenn wir entsprechend unterstützt werden.
Was meinen Sie genau?
Liersch Es ist dringend erforderlich, dass Bund und Länder bei der Vorsorge auf Katastrophenlagen umdenken. Seit dem Fall der Mauer werden Kapazitäten im Katastrophenschutz abgebaut. Ein Beispiel: Niedersachsen stellt allen Hilfsorganisationen im Land – vom DRK bis zur DLRG – pro Jahr nur 2 Millionen Euro für Fahrzeuge im Katastrophenschutz zur Verfügung. Das ist der Tropfen auf den heißen Stein. Es werden deutlich mehr Mittel benötigt.
