DöTLINGEN/PORT-AU-PRINCE - Abends versammelten sich alle zum gemeinsamen Gebet, einem ganz intensiven Beten tiefgläubiger Menschen. Sie bewegten sich fast tanzend dabei, die Kinder und Erwachsenen lagen sich in den Armen. Die Menschen suchten den gegenseitigen Trost und die Kraft, auch den nächsten Tag im Inferno von Port-au-Prince auf Haiti zu überleben. „So ein intensives Gefühl habe ich selten erlebt“, erzählt Dr. Kathrin Huntemann über diese Abende. Die Dötlinger Medizinerin ist vor kurzem heimgekehrt aus dem Erdbebengebiet Haiti. Sie beteiligte sich an einer gemeinsamen Aktion von „Help a Child e.V.“ und „Haiti-Kinderhilfe e.V.“.
Familie unterstützt
Huntemann ist Fachärztin für Anästhesie und interdisziplinäre Intensivmedizin am Pius-Hospital in Oldenburg, momentan in Elternzeit. Seit längerem engagiert sie sich für „Help a Child“, das Schicksal von Kindern liegt ihr am Herzen. „Mir ist es immer wichtig, dass die Hilfe da ankommt, wo sie gebraucht wird“, so die 40-Jährige. Als die Anfrage der Haiti-Kinderhilfe kam, die mit „Help a Child“ kooperiert, auf der Insel zu helfen, sei die Entscheidung relativ schnell gefallen. Ohne Zustimmung von Ehemann Stefan Huntemann und ihrer Eltern, die vermehrt bei der Betreuung der beiden Kinder gefragt waren, hätte sie es allerdings nicht gemacht. „Das Risiko war kalkulierbar“, ist sich die Medizinerin sicher. Die vierjährige Tochter bekam mit, wohin die Mutter aufbrach. Angesichts der zerstörten Häuser malte die Kleine Bilder von intakten Häusern und bestand darauf, dass sie auf alle Fälle mit in den Rucksack kämen.
Zwei Ziele hatte die Hilfsaktion: direkte Hilfe für fünf Waisenhäuser, eine Schule und ein Projekt für die „Kindersklaven“ sowie die Evakuierung von 62 Kindern, deren Adoption nach Deutschland bereits vor der Naturkatastrophe geregelt war und die ursprünglich erst nach und nach in den nächsten Monaten kommen sollten.
Medikamente
Kathrin Huntemann gehörte zum ersten Team von 15 Frauen und Männern, alle ehrenamtlich im Einsatz. Mit Dr. Heiko Faber war ein zweiter Arzt an Bord. Nach vier Tagen Vorbereitung hob der Flieger am 22. Januar in Frankfurt ab. Die deutsche und die haitianische Botschaft sowie das Auswärtige Amt unterstützten die Helfer nach Kräften. Als Hilfsgüter waren Medikamente (Antibiotika, Schmerzmittel, Verbandsmaterial) dabei, alles Spenden, so von den Abteilungen des Pius-Hospitals, aber auch von Apothekern, Ärzten und Pharmafirmen aus der gesamten Republik. „Das füllte ein ganzes Hotelzimmer.“ Die Mediziner sortierten es für den Einsatz im Krisengebiet vor.
Das Hilfsteam landete am Freitag, 22. Januar, in Santo Domingo/Dominikanische Republik. Bis Sonntag wurden hier zentnerweise Reis, Bohnen, Mais, Öl, Salz und Wasser eingekauft. „Die große Solidarität hat uns sehr geholfen“, berichtete die Dötlingerin über die zuvorkommenden Bewohner. Am Montagmorgen brach das Team in zwei Bussen nach Porto-au-Prince auf. „Ich habe noch nie so große Busse gesehen, die waren komplett voll beladen.“ Von den immer wieder gemeldeten Plünderungen bekamen die Helfer nichts mit. Vielmehr seien die Menschen „sehr freundlich, sehr zurückhaltend“ gewesen.
Ein kleines Wunder bei der Ankunft in der völlig zerstörten Hauptstadt: In den Waisenhäusern der Haiti-Kinderhilfe hatten alle Mädchen und Jungen überlebt. Die beiden Ärzte stießen immer wieder auf Unterernährung, Austrocknung (dehydriert), Fieber und kleine Wunden, aber „keine Knochenbrüche“. Die Kinder sind traumatisiert. Oft haben sie als Waisenkinder ohnehin schwere Schicksale hinter sich, nun noch das Erleben des verheerenden Erdbebens in einer Stadt, über der der Verwesungsgeruch hängt. „Die Kinder sind sehr verschreckt und verängstigt“, so Huntemann. Täglich habe es Nachbeben gegeben, die die Kinder in Aufruhr versetzt hätten. „Sie klammern sich an die Älteren. Drei- und Vierjährige trösten die Babys.“
Haitianer packen an
Für die Ärztin vergingen die Tage wie im Flug. „Nachts zwei bis vier Stunden Schlaf, ansonsten waren wir nur im Einsatz.“ Sobald die Dämmerung einbrach, kam der Strom nur noch von Generatoren. Huntemann und Faber behandelten dann mit einer Lampe auf dem Kopf. Besonders bewegend für die Dötlingerin: der Einsatz der ehemaligen Patenkinder. Einst lebten sie selber in den Waisenhäusern, nun ist den meisten nur die Kleidung am Leib geblieben. „Sie haben uns ganz toll unterstützt, das ist mir sehr, sehr nahe gegangen.“ Die erste Frage der Haitianer war gar, wie es den deutschen Helfern und ihren Familien ginge. Viele frühere Patenkinder werden allerdings vermisst. Sie sind wahrscheinlich tot.
Positive Einstellung
Nach den zweieinhalb Tagen in Port-au-Prince machte sich das Team zurück auf den Weg nach Santo Domingo. Hier wurden die Kinder, vom Baby bis zum Fünfjährigen, auf den Flug nach Deutschland vorbereitet. Ein zweites Team von 15 Helfern nahm sie in Empfang und begleitete sie auch während des Fluges. Zudem war auch ein Ärzteteam des Frankfurter Flughafens an Bord. „Wir waren die ganze Nacht auf den Beinen“, so Huntemann über den langen Flug.
Die Dötlingerin im Rückblick: „Letztendlich bin ich sehr dankbar, dass ich bei diesem Hilfseinsatz dabei sein durfte und bin sehr stolz auf meine Familie, die mich dabei immer wieder unterstützt.“ Sie hat die positive Lebenseinstellung der Haitianer beeindruckt, die trotz der unbeschreiblich widrigen Bedingungen und dem Leid nach vorne blicken und den Wiederaufbau organisieren. „Dem gebührt größter Respekt! Und das verdient Hilfsbereitschaft, Menschlichkeit und Solidarität.“
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