DüSSELDORF - DÜSSELDORF - Stell’ dir vor, du bist SPD-Chef in Nordrhein-Westfalen und kaum einer kennt dich. Auf diesen knappen Nenner lässt sich das Problem bringen, vor dem der amtierende SPD-Landesvorsitzende, Jochen Dieckmann, und seine Partei ein Jahr nach dem Machtverlust im einstigen „roten Stammland“ stehen. Eine Forsa-Umfrage stellte den Oppositionsführern ein fatales Zeugnis aus: 83 Prozent der Befragten in NRW gaben an, keinen einzigen SPD-Landespolitiker zu kennen.

„Die NRW-SPD – das unbekannte Wesen“ titeln seitdem die Zeitungen und attestieren den Sozialdemokraten Profillosigkeit und eine unsichtbare Führungsspitze. „Keine Regierung im Wartestand, sondern Totengräber in Aktion“, höhnt der Generalsekretär der regierungstragenden CDU, Hendrik Wüst. Und FDP-Generalsekretär Christian Lindner analysiert: Nach 39 Regierungsjahren sei die SPD von der „Arroganz der Macht“ an Rhein und Ruhr in Ohnmacht gefallen.

Doch nicht nur die neuen Regierungsparteien bohren in den Wunden der SPD. Auch eine ihrer Führungspersönlichkeiten ging in diesem Monat mit einem Brandbrief in die Offensive. Die NRW-SPD habe schon seit Jahrzehnten die Erneuerung ihrer Politik versäumt, analysierte der Vize-Chef der SPD-Landtagsfraktion, Ex-Verkehrsminister Axel Horstmann, in einem Positionspapier.

Besonders bitter rächen sich diese Versäumnisse heute in den traditionell wichtigsten Wählergruppen der NRW-SPD. Von Arbeitern und jungen Leuten wird sie kaum noch wahrgenommen. Rund 95 Prozent der Befragten aus diesen Gruppen konnten überhaupt keinen SPD-Landespolitiker mehr nennen.

Alarmierend müssen diese Befunde vor allem für Dieckmann und die Chefin der Landtagsfraktion, Hannelore Kraft, sein. Nur 32 bis 34 Prozent der Wähler im bevölkerungsreichsten Bundesland würden die SPD aktuellen Umfragen zufolge noch wählen. Dabei war sie zu Zeiten von Johannes Rau (SPD) jahrelang von absoluten Mehrheiten verwöhnt.

Noch traut sich niemand in der Partei, das Führungstandem Dieckmann-Kraft offen in Frage zu stellen. Weniger zimperlich zeigen sich die Regierungsparteien. Was der Ex-Finanzminister in seinem ersten Oppositionsjahr geboten habe, sei schlichte „Arbeitsverweigerung“, meinte Wüst. „Dieckmann ist der schlechteste Vorsitzende, den die SPD je hatte.“