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NWZonline.de Nachrichten Politik

Ehrlicher Bauer, dummer Bauer?

17.05.2017

Kennen Sie einen Bauern? Persönlich, meine ich? Wenn Sie in einer Stadt wohnen, vermutlich nicht. Selbst wenn Sie auf dem Land leben, stehen Ihre Chancen, einen Bauern zu treffen, mittlerweile schlecht. Die Zahl der Bauern sinkt nämlich stetig: Nur noch gut 280.000 landwirtschaftliche Betriebe gibt es in Deutschland – ein Viertel des Werts von 1970, als es 1,1 Millionen waren. 1950 waren es sogar noch 4,8 Millionen.

Das bedeutet nicht, dass die Deutschen heute weniger Fleisch essen oder weniger Milch trinken. Im Gegenteil: Immer weniger Landwirte stellen immer mehr Lebensmittel für immer mehr Verbraucher her. 1970 ernährte ein Bauer 27 Menschen, heute produziert er für 145 Menschen. So kommt es, dass immer mehr Tiere in immer gewaltigeren Ställen leben, buchstäblich aus den Dörfern gedrängt von immer strengeren Bau-, Umwelt- und Seuchenschutzvorschriften.

Nicht nur die Bauern sind damit aus unserem Sichtfeld verschwunden. Wir sehen auch kaum noch Tiere.

Was wir heute über moderne Landwirtschaft wissen oder zu wissen meinen, wissen wir zumeist aus den Medien. Es ist ein Landwirtschafts-Bild aus zweiter Hand: gezeichnet durch Riesenställe auf der grünen Wiese, durch Youtube-Videos von Tierrechtsorganisationen, durch (Hass-)Kommentare bei Facebook. Viele Menschen, die persönlich keinen Bauern kennen, halten Bauern heute für Tierquäler. Viele Bauern sprechen hingegen von Bauern-Mobbing.

Der jüngste Beitrag dazu stammt vom NDR, einer per Zwangsabgabe (und somit auch von Landwirten) finanzierten öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalt: ein Online-Quiz mit dem Titel „Schlauer Bauer“. Wer es anklickt, darf Bauer spielen, entweder in der Rolle des Südoldenburger Schweinemästers Uwe Hansen oder in der des ostfriesischen Milchbauern Jens Jensen. Das Spiel ist ein Multiple-Choice-Quiz, zu jeder Frage gibt es drei mögliche Antworten. Die erste Frage an Jens Jensen lautet: „Wie viel Platz bekommt ein Schwein in Deinem Stall?“ Antworten kann er: „1,3 m² Platz im Stall sowie Auslauf ins Freie“, „0,75 m² Platz im Stall“, „0,6 m² Platz im Stall“. 0,75 Quadratmeter entspräche laut Quiz der gesetzlichen Vorgabe.

Sie ahnen es: Wer den Schweinen mehr Platz einräumt als vorgeschrieben, wer sie vernünftig füttert und mit reichlich Spielmaterial versorgt, ist am Ende des Spiels pleite. Wer die Schweine hingegen einpfercht, ihnen dioxinverseuchte Industriefette gibt und mengenweise Antibiotika verabreicht, macht ordentlich Reibach. Hier erntet nicht der dümmste Bauer die dicksten Kartoffeln – hier verdient der gemeinste, skrupelloseste, kriminellste Kerl das meiste Geld.

Wer gutwillig zwischen den Zeilen liest, mag darin Systemkritik erkennen. Alle anderen werden das hier herauslesen: Die „guten“ Bauern, in Deutschland immerhin gut 800.000 Betriebe seit 1970, mussten aufgeben. Wer übrig blieb, hat getrickst, betrogen, gequält.

Zweifellos gibt es Missstände in der modernen Landwirtschaft. Und sicherlich sind generelle Kurskorrekturen nötig, um den veränderten gesellschaftlichen Ansprüchen an Tierhaltung gerecht zu werden. Wer aber allein mit dem Finger auf den „schlauen Bauern“ zeigt, der verkennt, dass die moderne Landwirtschaft das Ergebnis einer Gleichung mit vielen Variablen ist.

Da sind Spekulanten, die an den Börsen auf Getreidepreise wetten. Da sind die großen Lebensmittelketten, die mit Knebelverträgen für Molkereien den Milchpreis drücken. Da sind die Einzelhändler, die Hackfleisch und ­Joghurt als Lockangebote verramschen.

Vor allem aber sind da die Verbraucher, von denen 50 Prozent ihr Fleisch ausschließlich zum Sparpreis im Discounter kaufen. Und die ein völlig verändertes Konsumverhalten aufzeigen: Geflügelfleisch? Gern, aber bitte nur die Brust. Schweinefleisch? Danke, aber nur Filet. Vorbei sind die Zeiten, als ein Schwein nach der Schlachtung monatelang eine Familie ernährte. Wer isst noch Schweinskopfsülze oder Blutwurst? Kaum jemand. Die Folge sind Abfallberge aus Lebensmitteln, wachsende Exporte nach Asien (wo Schweinepfoten als Delikatesse gelten), Überzüchtungen (um Puten mit möglichst viel Brust zu bekommen).

Der Bauer ist das schwächste Glied in dieser Kette. Aber er soll allein den Kopf dafür hinhalten.

Die Zahl der Bauernhöfe sinkt? Längst ist es nicht nur der ökonomische Druck, der Landwirte zur Aufgabe zwingt. Immer öfter werfen Bauern die Brocken hin, weil sie dem gesellschaftlichen Druck nicht standhalten.

Kennen Sie einen Bauern? Dann sprechen Sie ihm Mut zu! Ja, die Landwirtschaft muss sich ändern, sie wird sich ändern – aber ohne Landwirte geht das alles nicht.

Hier geht’s zum Quiz „Schlauer Bauer“


Das Quiz:   https://static.ndr.de /schlauer_bauer/ 

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