Oldenburg - Johann Kühme sitzt an einem riesigen Schreibtisch, gefühlt zwei Tischtennisplatten groß und mithin etwas unmodern. Was aber verständlich ist, schließlich steht der Arbeitsplatz des aktuellen Polizeipräsidenten am historischen Ort: im Amtszimmer des ehemaligen Ministerpräsidenten des Landes Oldenburg, Theodor Tantzen.
Im politischen Zentrum der Macht des früheren Großherzogtums und des folgenden Freistaates wird nun Geburtstag gefeiert. Das Landtagsgebäude am heutigen Theodor-Tantzen-Platz ist am 9. November 1916, also vor exakt 100 Jahren, seiner Bestimmung übergeben worden (das Staatsministerium nebenan, heute Sitz der Polizeidirektion Oldenburg, öffnete wenige Monate später). Aus diesem Grund tagt am Donnerstag, 10. November, morgens das derzeitige Landeskabinett im altehrwürdigen Kabinettszimmer, und später am Tage tritt der gesamte Landtag zur Plenarsitzung zusammen – ausnahmsweise im alten Oldenburger Landtagsgebäude.
Kreis schließt sich
Mit dem Ausflug aller Fraktionen nach Oldenburg schließt sich ein lang unterbrochener Kreis. Denn seine eigentliche Funktion konnte das Landtagsgebäude gerade einmal 17 Jahre lang ausfüllen. Als Sitz der Regierung (1916-1919) von Großherzogtum und von Freistaat (bis 1933) fungierte der Bau nur bis zum Ende der Weimarer Republik. Dann kamen die Nationalsozialisten, die derart demokratische Einrichtungen flugs auflösten. Eine kurze Renaissance noch nach dem Zweiten Weltkrieg vom 30. Januar 1946 bis 6. November 1946, dann ging der Freistaat Oldenburg im neu gebildeten Bundesland Niedersachsen auf. Dessen Hauptstadt lag 180 Kilometer weiter südlich – in Hannover; Landtagssitz wurde das Leineschloss.
Die kurze politische Funktion der Bauten an den Dobbenteichen schmälert aber nicht ihre Bedeutung für die oldenburgische Geschichte. Denn der Gedanke, für das Großherzogtum einen Landtag zu installieren, reicht zurück bis in die Zeit der deutschen Märzrevolution 1848/49. Die Rufe nach Demokratie wurden auch im Oldenburgischen so laut, dass sich Großherzog Paul Friedrich August ein „Patent für eine Verfassungsgebende Versammlung“ verfügen musste. Zwar nicht vom Volk, sondern von Stadt- und Gemeindeausschüssen gewählt, traten die 34 Abgeordneten des „Vorparlaments“ am 27. April 1848 erstmals im Rathaus zusammen. Es war die Geburtsstunde des Oldenburger Landtags.
Heimat in der Akademie
Flott ging’s ans Werk: Der eher reaktionäre herzogliche Verfassungsentwurf wurde in eine liberale Fassung umgearbeitet, das Wahlgesetz geändert, und das junge Parlament fand eine feste Heimstatt in der Militärakademie (heute Standesamt) am Pferdemarkt. Die politische Arbeit konnte beginnen, der Landtag, der am 18. Februar 1849 die Verfassung des Landes verabschiedete, hatte Rechte unter anderem bei Finanzen, Gesetzen, Staatsverwaltung und inneren Angelegenheiten.
Die räumliche Trennung von politischem Landtag im viel zu engen Haus am Pferdemarkt und behördlichem Staatsministerium (zuständig u.a. für Finanzen, Eisenbahn und Verwaltung) nahe dem Schloss stand allerdings der wachsenden Bedeutung der neuen Gremien entgegen. Die Idee eines Standorts für beide Institutionen keimte bereits 1861. Doch erst 1908 wurde die Sache konkreter mit dem Architektenwettbewerb für den gemeinsamen Verwaltungssitz. Den Bauplatz gab es ebenfalls: eine Fläche südlich des Wittschieben-Teichs, also etwa der Bereich, der für die Landesausstellung 1905 urbar gemacht worden war.
Zehn markante Säulen
Dennoch dauerte es bis in die schlimmsten Tage des Ersten Weltkriegs hinein, ehe das Landtagsgebäude (Tappenbeckstraße 1) mit den zehn Säulen als hervorstechendem Fassaden-Merkmal am 9. November 1916 eingeweiht wurde. Das in seiner Umgebung riesig wirkende, im neoklassizistischen Stil errichtete Staatsministerium (Theodor-Tantzen-Platz 8) startete einige Monate später im Jahr 1917. Fortan wurden das Großherzogtum und (nach Abdankung des Großherzogs) der Freistaat Oldenburg an den Dobbenteichen regiert.
Wie gesagt, nur 17 Jahre lang. In dieser Zeit stellte zumeist die SPD die stärkste Fraktion, doch dann, ab 1931, gewann die NSDAP die Landtagswahlen – und die löste nach der völligen Machtübernahme in Deutschland 1933 den Landtag auf.
In der Zeit der Naziherrschaft bis 1945 dienten die Gebäude der Verwaltung von Gestapo und Gaugericht; in diese Zeit fallen auch baulichen Veränderungen. Und es wurde ein Fresko aufgehängt: Das große Wandgemälde wurde 1938 von den Nazis beim Künstler Jan Oeltjen in Auftrag gegeben, es zeigt unter anderem marschierende Angehörige der Wehrmacht und der Hitlerjugend. Das Fresko ist heute verdeckt, „und das bleibt es auch“, betont Hausherr Kühme.
Zukunft mit Kultur
Nach dem Zweiten Weltkrieg nutzte kurzzeitig ein von den britischen Alliierten „Ernannter Oldenburgischer Landtag“ die Gebäude zum zweiten Mal mit Theodor Tantzen als Ministerpräsident (erstmals 1919-1923). Dann, mit der Gründung des Bundeslandes Niedersachsen am 1. November 1946, endet die Geschichte des Oldenburger Landtags.
Und die markanten Gebäude, die längst für Oldenburg stilbildend sind wie Lappan oder Schloss, was wurde aus ihnen? Zunächst kam hier der Verwaltungsbezirk Oldenburg unter, ab 1978 die Bezirksregierung Weser-Ems. Und als man diese im Jahr 2005 auflöste, wurde der Landtag für kulturelle und Schulungszwecke umgebaut, während das Staatsministerium Sitz der Polizeidirektion wurde. Weshalb in Tantzens Arbeitszimmer nun Johann Kühme am großen Schreibtisch sitzt.
