Stuttgart - Fast wie bei einer Sommerparty entfaltet der Kirchentag ausgelassene Stimmung. Doch globale Krisen und das Leid von Flüchtlingen lassen die Besucher nicht kalt. Bei der Suche nach Lösungen gibt es nicht immer eine einhellige Antwort.
Nicht nur an den Wasserzapfstellen oder unter den Feuerwehrfontänen auf dem Konzertplatz – es war ein Evangelischer Kirchentag der Durstigen im drückend heißen Stuttgart. Ein Durst der 135 000 Teilnehmer nicht nur nach Erfrischung, sondern bei den vielen Gebetstreffen und Debatten auch nach einer dringend nötigen Stärkung des Glaubens. Der droht im Alltag, gemessen an den Mitgliederzahlen der Kirche, verloren zu gehen.
Auch der Kirchentag zählte 20 000 Dauergäste weniger als noch vor zwei Jahren in Hamburg. Dennoch sei es „ein Fest des Glaubens“ gewesen, von dem ein Appell des Friedens ausgegangen sei, sagt Kirchentagspräsident Andreas Barner. Zum Abschluss zog ein Open-Air-Gottesdienst 95 000 Menschen an.
Die deutschlandweiten Christentreffen sind schon lange kein Ort empörter politischer Proteste mehr. Unter dem Motto „damit wir klug werden“ ging es in Stuttgart vielmehr um einen differenzierten Blick auf drängende Fragen. Antworten zur Flüchtlingsproblematik, dem Kirchenasyl oder globalen Krisen sind für die Kirche nicht mehr so einfach wie zu Zeiten der Nachrüstungsdebatte in den 80er Jahren – das zeigten die Foren mit ihrer kirchentagstypischen Ballung von Spitzenpolitikern und Experten.
Von einer „neuen Nachdenklichkeit“ sprach Kirchentags-Generalsekretärin Ellen Ueberschär: Statt publikumswirksamer Antworten seien die Themen in ihrer Komplexität diskutiert worden.
Der plakative Protest in Stuttgart – eine Menschenkette für Frieden mit 1500 Teilnehmern und eine Demonstration vor dem Hauptquartier der US-Streitkräfte – wurde denn auch nicht vom Kirchentag, sondern einer Friedensinitiative organisiert. Die Theologin Margot Käßmann, die sich in den Protest einreihte, kritisierte, der Kirchentag habe sich zu wenig dem Thema Frieden gewidmet. Die Organisatoren betonten, niemand sei ausgeschlossen worden, in einer Vielzahl der Foren sei es um Syrien, Flüchtlinge und die Bewältigung von Kriegen und Krisen gegangen.
Natürlich setzte der Kirchentag wieder auf Stars, die Tausende in die Hallen locken: Margot Käßmann wetterte gegen Wirtschaft und Rüstungsindustrie, Ex-UN-Generalsekretär Kofi Annan sprach über Krisen. Bundespräsident Joachim Gauck, Amtsvorgänger Christian Wulff sowie Kanzlerin Angela Merkel waren auch da.
2017 kommt der Kirchentag nach Berlin und in die Luther-Stadt Wittenberg.
