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Präsidentschaftswahl I Ein Land in unbegrenzten Schwierigkeiten

Lea Bernsmann

Oldenburg - Ein Albtraum. Um sieben Uhr morgens weint Jamie Modick.

Geschlafen hat die Oldenburgerin in der Nacht zu Mittwoch kaum. „Um halb eins sah es noch gut aus. Gegen drei habe ich weitergehofft. Ab sechs wurde es ernst.“ Während vor ihrem Fenster die Sonne aufgeht, sieht die 62-Jährige düstere Zeiten auf ihr Heimatland zukommen: Donald Trump wird Präsident der Vereinigten Staaten.

„Das hätte ich nie gedacht“, sagt Jamie Modick, „Trump ist wie ein wütendes Kleinkind, das nur schreien kann. Der hat einfach keine Ahnung.“ Sie lacht bitter. Nein, ihre Freunde im Geburtsort New Jersey, der Bruder in Kalifornien, nicht mal die 90-jährige Tante als überzeugte Republikanerin hätten ihre Stimme diesem Aufschneider gegeben.

Selbst hat sich die pensionierte Buchhändlerin im Oktober per Briefwahl für das „kleinere Übel“ entschieden. Lieber als Hillary Clinton wäre der Oldenburgerin Bernie Sanders gewesen, einer der dem Land innenpolitisch wieder auf die Beine helfen könne: „Die Menschen brauchen Perspektiven, Jobs, eine gesicherte Gesundheitsversorgung und Bildung. 40 000 Dollar kostet ein Jahr Uni.“ Sie seufzt. Unzufriedenheit sei ein gefährlicher Motor – nicht nur in den USA, auch in Deutschland. Dennoch: „Ich bin froh, dass du jetzt nicht in Amerika bist“, habe ihr Mann, Schriftsteller Klaus Modick, nach den ersten Hochrechnungen gesagt.

Von Angst regiert

Über den großen Teich blickt die US-Bürgerin in ein gespaltenes Land, ein Land der Immigranten und Vielfalt, ein Land, „mit einer ungewissen Zukunft“. Nach 36 Jahren in Oldenburg und dem Ausgang der Wahl sagt Jamie Modick „Trotzdem ist das immer noch mein Land.“

„Eines, in dem die Angst regiert“, sagt Mary Kehl und schüttelt den Kopf. In der Nacht der Entscheidung hat die Oldenburgerin Smartphone, Fernseher und Laptop ausgeschaltet. „Damit ich ruhig schlafen kann.“ Mit einem Schock ist sie am nächsten Morgen nicht aufgewacht. „Eher enttäuscht“, sagt die 49-Jährige, „dass meine Landsleute so unvernünftig sind.“ Nach fast zwei Jahrzehnten in Oldenburg hat die Musikerin und Gesangslehrerin viele Schüler, Fans, Bekannte und Freunde. Sicher komme die Frage: „Was habt ihr getan?“

Eine Antwort hat Mary Kehl keine, betont aber: „Ich habe den nicht gewählt.“ Lieb wäre auch ihr Bernie Sanders gewesen, besser als Trump sei allerdings alles und jeder. Sie klappt ihr iBook auf und betrachtet die neuesten Facebook-Einträge. Über soziale Medien schreiben sich Freunde aus den Staaten ihren Frust von der Seele. Darunter sind etliche Afroamerikaner und Menschen mit lateinamerikanischen oder asiatischen Wurzeln, solche, die der neue Präsident als Kreaturen zweiter Klasse bezeichnet. „Das ist wie ein Schlag ins Gesicht, die leben dort seit Generationen“, sagt die Oldenburgerin. Über Trumps Absicht, eine Mauer zu bauen, kann sie nur lachen. Das sei utopisch, dennoch sei dieser Mann unberechenbar. „Trump hat unrealistische Träume, Emotionen verkauft“, sagt sie.

Das böse Erwachen folge ihrer Meinung nach bald. Ein Präsident, der schon vor seinem Amtsantritt drei Anklagen zu verzeichnen habe, sei selbst in der Geschichte des Landes der unbegrenzten Möglichkeiten ein Novum. „Vielleicht kommt ja bald ein großer Skandal“, sagt sie, lacht und wird still. Für ihr Land komme diese Wahl einem Untergang gleich. „Die Welt“, sagt Mary Kehl, „wird Amerika nicht mehr ernst nehmen.“ Ihre Heimat will die Oldenburgerin weiterhin besuchen, einmal im Jahr fliegt sie nach Seattle – wie viele Metropolen eine liberale Gegend. Die republikanischen Wähler sieht die 49-Jährige eher in ländlichen Gebieten. Amerika sei glücklicherweise groß – eigentlich groß genug für verschiedene Meinungen, Hautfarben, Religionen und Werte.

Für Freiheit kämpfen

Nach Europa sei sie vor zwei Jahrzehnten der Freiheit wegen gekommen. Sie habe großen Respekt vor Deutschlands Politik und Kultur. „Kunst und Musik wird hier wertgeschätzt. Ihr wisst gar nicht, wie gut ihr es habt“, sagt sie. Leben möchte Mary Kehl nicht mehr in den USA. „Mein Zuhause ist hier“, sagt sie. Das Leben, ihre Musik, der Sohn, die Freunde – das alles sei wichtiger als ein unberechenbarer Präsident. Darüber vergießt sie keine Tränen.

Auch Jamie Modick hat aufgehört, um ihr Land zu weinen. Beide Oldenburgerinnen betrachten den Ausgang der Wahl als Warnschuss für die Welt. „Kein Deutscher sollte glauben, dass kann hier nicht passieren“, sagt Mary Kehl. „Europa könnte folgen. Wir müssen alle daraus lernen.“ Es sei Zeit aufzuwachen. Vor dem Albtraum.

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