Berlin - Vor anderthalb Jahren dachte Guido Westerwelle schon einmal, es sei soweit. Wegen seiner Leukämie hatte er in der Uniklinik Köln Knochenmark-Stammzellen transplantiert bekommen. Auf eine der vielen Infusionen, die danach sein müssen, reagierte sein Körper allergisch. Das Herz raste, die Augen kippten nach hinten, er bekam keine Luft. „Ich dachte: So also fühlt es sich an, das Sterben.“

Am Freitag ist der ehemalige FDP-Vorsitzende, Außenminister und Vizekanzler nun tatsächlich gestorben. Mit 54 Jahren, an den Folgen von akuter myeloischer Leukämie, einem Blutkrebs der besonders schlimmen Art.

Auf der Webseite seiner Stiftung, der Westerwelle Foundation, war kurz danach ein Foto aus glücklicheren Tagen zu sehen, mit seinem Mann Michael Mronz – mit dem er fünfeinhalb Jahre verheiratet war. Dazu vier Zeilen Text: „Wir haben gekämpft. Wir hatten das Ziel vor Augen. Wir sind dankbar für eine unglaublich tolle gemeinsame Zeit. Die Liebe bleibt.“

Westerwelle gehörte zur kleinen Zahl von Politikern, die sowohl in der späten Bonner als auch in der Berliner Republik prägende Gestalten waren. Aus dieser Generation ist er jetzt auch einer der Ersten, die zu Grabe getragen werden.

Zeit seines Lebens gehörte der Anwaltssohn aus Bonn zu den Leuten, über die die Meinungen auseinandergingen. Bewundert, bejubelt, verspottet, verhasst.

Als „Ziehvater“ des promovierten Juristen galt lange Zeit Hans-Dietrich Genscher. Dessen Nachfolger Klaus Kinkel machte ihn 1994 mit nur 32 Jahren zum Generalsekretär der FDP. Westerwelle war Ehrgeiz pur. Lauter, forscher, schriller als andere. 2001, mit 39, wurde er FDP-Chef. Er ließ sich zum Kanzlerkandidaten ausrufen, reiste im Wohnmobil durch Deutschland, stieg in den „Big Brother“-Container und malte sich eine „18“ als Wahlziel auf die Schuhsohle. Kritik musste er aushalten bis zum Unmaß, ohne dass ihn dies besonders nachtragend machte.

Die Affäre um Jürgen Möllemann, als die FDP in die Nähe des Antisemitismus geriet, ließ ihn für eine Weile leiser werden. In diesen Jahren bekannte er sich zu seiner Homosexualität, präsentierte 2004 seinen Partner, den Sportmanager Mronz.

2009, im dritten Versuch, gelang doch noch die Wunsch-Koalition mit der Union – mit einem Sensationsergebnis von 14,6 Prozent. Doch in der Stunde des Triumphs machte Westerwelle einen seiner größeren Fehler: Er übernahm das Außenministerium. Viele nahmen ihm den Wandel zum Diplomaten nie ab. Nach anderthalb Jahren musste er FDP-Vorsitz und Vizekanzlerposten abgeben. Er konzentrierte sich aufs Auswärtige Amt, wo er sich bis zur dramatischen Wahlniederlage 2013 Respekt erarbeitete.

Sein vielleicht wichtigster Begriff: die „Kultur der militärischen Zurückhaltung“. In seiner umstrittensten Entscheidung – der deutschen Enthaltung zum Libyen-Einsatz im UN-Sicherheitsrat – sah er sich durch den Lauf der Dinge bestätigt. Trotzdem ist die deutsche Außenpolitik heute eine andere.

Genau ein halbes Jahr nach seinem letzten Tag als Minister bekam Westerwelle die Diagnose Leukämie. Öffentlich trat er nur noch selten auf. Ausnahme waren ein paar Tage im November, in denen er sein Buch („Zwischen zwei Leben – Von Liebe, Tod und Zuversicht“) vorstellte. Auf Fragen zur aktuellen Politik aber kam von Westerwelle nur die Antwort: „Für mich ist das so weit weg. Und so lange her.“