Berlin - Ob er eines Tages einmal Bundeskanzler werden würde? „Vom Legoland“, feixte Philipp Mißfelder. „Machtergreifung im Legoland!“ Es gab einige in der Union, die in ihm einen Hoffnungsträger, den Mann der Zukunft in der CDU, gesehen hatten. Andere dagegen hielten solche Prognosen für maßlos übertrieben.
Große Bestürzung und Fassungslosigkeit am Montagmorgen, als die Nachricht vom völlig unerwarteten Tod des 35-jährigen Bundestagsabgeordneten im Berliner Politik-Betrieb die Runde machte. Der außenpolitische Sprecher der Unionsfraktion im Bundestag ist am Sonntag an den Folgen einer Lungenembolie gestorben. Er war seit neun Jahren verheiratet und hatte mit seiner Frau Ann-Christin zwei kleine Kinder.
Im CDU-Präsidium
„Wir sind bestürzt, fassungslos und traurig“, beklagte Unionsfraktionschef Volker Kauder den Tod des Kollegen und Freundes und „einen der profiliertesten Außenpolitiker“ der Union.
Obwohl erst 35 Jahre alt, war der in Gelsenkirchen als Sohn eines Stahlarbeiters geborene, großgewachsene Mann seit 22 Jahren in der Politik, trat wegen Helmut Kohl in die Schülerunion ein, führte die Junge Union von 2002 bis in den Herbst 2014 zwölf Jahre und damit so lange wie niemand vor ihm. Vor zehn Jahren war der studierte Historiker in den Bundestag eingezogen, schaffte es 2008 gegen den Willen von Kanzlerin Angela Merkel ins CDU-Präsidium, das höchste Führungsgremium der Partei.
Freundlich, humorvoll, machtbewusst – so wirkte er im politischen Geschäft. Mal linientreu, mal aufmüpfig und rebellisch.
Bundesweit machte Mißfelder erstmals im Sommer 2003 von sich reden, als er es nicht nachvollziehbar nannte, „wenn 85-jährige noch künstliche Hüftgelenke auf Kosten der Solidargemeinschaft bekommen“, schließlich seien früher „die Leute auch auf Krücken gelaufen“. Worte, die eine Welle der Empörung auslösten, ihm jede Menge Kritik, Hass, ja sogar Morddrohungen bescherten. Es hätte das Ende einer politischen Karriere sein können. Doch Mißfelder entschuldigte sich öffentlich, arrangierte sich mit der Seniorenunion und startete weiter durch. Das Erfolgsrezept für seine steile Karriere? „Fleiß“, verriet Mißfelder einmal. „Ein Vollblutpolitiker, der für seine Überzeugungen, eine wertbezogene Politik, auch gegen Widerstände eintrat“, würdigte Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) den verstorbenen Parteifreund.
Freund Israels
Mißfelders Hoffnungen, nach der Bundestagswahl 2009 ein Ministeramt in der schwarz-gelben Bundesregierung oder zumindest den Posten eines Staatssekretärs übernehmen zu können, erfüllten sich allerdings nicht. Der CDU-Mann profilierte sich als außenpolitischer Sprecher, war ein Freund Israels, pflegte als überzeugter Transatlantiker gute Beziehungen und Kontakte nach Washington und war zuletzt wegen seiner engen Verbindungen zu Altkanzler Gerhard Schröder (SPD) und dessen Freund Wladimir Putin in die Kritik geraten. Seine mit der Unionsfraktion nicht abgestimmte Teilnahme an einem vom russischen Präsidenten ausgerichteten Geburtstagsempfang für Schröder in St. Petersburg traf auf Unverständnis und sorgte ebenso wie umstrittene Nebentätigkeiten für einen Karriereknick. Mit ihm verliert die Union einen ihrer wenigen profilierten Außenpolitiker.
