Rom - Auch dieses Mal bricht in der katholischen Kirche kein neues Zeitalter an – stattdessen betätigt sich Papst Franziskus als weiser Berater in Liebesdingen. In seinem Schreiben zu den Themen Familie und Ehe suchen Katholiken vergebens nach klaren Normen etwa zum Umgang mit wiederverheirateten Geschiedenen oder Homosexuellen. „Erfrischend“, meint Vatikan-Experte Bernd Hagenkord. „Der ganze Text ist sehr emotional und menschlich.“

Franziskus wendet sich mit einem sehr praxisnahen Resümee an die Gläubigen – und spricht frei von jeder Peinlichkeit auch offen über Liebe, Erotik und Zärtlichkeit. „Es ist gut, den Morgen immer mit einem Kuss zu beginnen“, rät der Papst und schreibt weiter: „Die Ehe ist auch eine Freundschaft, welche die der Leidenschaft eigenen Merkmale einschließt.“ Wenn es um die Liebe zwischen Mann und Frau geht, schwebt dieser Pontifex nicht in himmlischen Sphären, sondern bleibt ganz bodenständig und lebensnah.

„Franziskus lädt das, was er zu sagen hat, nicht mit Konfliktstoff auf“, bringt es Pater Hagenkord, der Leiter der deutschsprachigen Redaktion von Radio Vatikan, auf den Punkt. Homosexuelle werden nur am Rande erwähnt. Und Wiederverheiratete, die die Hoffnung gehegt hatten, offiziell wieder zur Kommunion zugelassen zu werden, werden vielleicht enttäuscht sein: Es gibt keine klare Ansage, die über die vage Öffnung des Abschlusspapiers der Synode hinausgeht – und das sagt der Papst auch ganz klar. Einzelfälle könnten geprüft werden, aber er werde „keine auf alle Fälle anzuwendende generelle gesetzliche Regelung kanonischer Art“ aufstellen.

Im Zentrum des Schreibens „Amoris Laetitia – über die Liebe in der Familie“ steht – wie der Titel verrät – schlicht und einfach die Liebe. Und Franziskus wählt dafür das simple Wort „Amore“ und verzichtet auf das bisher häufig verwendete und mit christlichen Tugenden beladene Wort „Caritas“. Wie ein Eheberater wirkt er in manchen Passagen.

So spricht der 79-Jährige von der Wichtigkeit, sich selbst zu lieben und anzunehmen, um einen anderen lieben zu können, wendet sich gegen Kontroll- und Eifersucht, plädiert für Vertrauen und „eine Beziehung in Freiheit“, fordert zum Zuhören auf und zu einer milden Sprache ohne „aggressive Worte“. Und dann leitet er über zu dem, was selbst viele Vatikankenner überrascht hat: der körperlichen Liebe.

„Begierden, Gefühle, Emotionen – das, was die Klassiker ,Leidenschaften’ nannten – nehmen einen wichtigen Platz in der Ehe ein“, so Franziskus. Sexualität sei eine „zwischenmenschliche Sprache, bei der der andere ernst genommen wird in seinem heiligen und unantastbaren Wert“.

Vielleicht wird der Inhalt von „Amoris Laetitita“ erst mit der Zeit seine ganze Wirkung entfalten. Der Grundstein für eine vorsichtige Öffnung der katholischen Kirche wird hier jedenfalls gelegt.

Das wird auch im sechsten Kapitel deutlich, in dem Franziskus das auch in Deutschland heiß diskutierte Thema Zölibat erwähnt und wie aus dem Nichts zwei Sätze schreibt, die viele aufhorchen lassen: Es habe sich gezeigt, dass es geweihten Amtsträgern oft an der nötigen Ausbildung fehle, um mit den vielschichtigen aktuellen Problemen der Familien umzugehen. „In diesem Sinn kann auch die Erfahrung der langen östlichen Tradition der verheirateten Priester nützlich sein“, schreibt der Papst.