Hude - Wenn Joe und seine Kolleginnen Lena und Karin freitags auf den Hof der Jugendherberge fahren, sind die Kleinen nicht zu halten. Ruckzuck sind die Studenten umlagert, haben gleich mehrere Kinder auf dem Arm. Das Zirkusprojekt mit den Studenten ist ein Angebot, das einmal in der Woche für die Kinder der Flüchtlingsfamilien organisiert wird. Es wird gespielt und balanciert, auch schon mal getanzt. Und es wird nur Deutsch gesprochen.
Erlebnispädagoge Joe Koldehofe kennt mehrere Sammelunterkünfte. „Hude ist da vorbildlich, unter den Notlösungen ist es eine Perle“, sagt er. Aber es könne eben nur eine Notlösung sein, bis die Menschen in eigene Wohnungen zögen, um ein eigenständiges Leben zu führen.
Seit März in Betrieb
Die Not war groß, als in Hude immer mehr Flüchtlinge eintrafen und dezentraler Wohnraum zur Neige ging. Die Jugendherberge sprang ein. Zunächst befristet bis 31. März 2017 ist sie Flüchtlingsunterkunft. Mieter ist der Landkreis, zuständig ist die Gemeinde. Der normale Betrieb ruht. 43 Menschen leben aktuell in der Einrichtung, nachdem zwei Familien schon in eigene Wohnungen umziehen konnten. 34 Bewohner kommen aus Afghanistan erzählt Leiterin Kirsten Jensen-Gentsch. Sieben sind aus dem Iran, zwei aus Pakistan. Es hat sich einiges verändert in der Jugendherberge. Mehrere Kinderwagen stehen im Flur. Zwei Babys wurden bereits geboren, das dritte ist unterwegs.
„Wenn die Babys kommen, Taxi rufen!“ steht als Anweisung im Mitarbeiterraum. Und auch viele andere Regeln sind dort aufgeschrieben.
„Ohne klare Regeln geht es nicht“, sagt Jensen-Gentsch. Mittlerweile hat es sich eingespielt. Seit dem 17. März leben die Flüchtlinge in der Herberge. Gleich einen Tag später habe sie mit Hilfe eines Dolmetschers die neuen Bewohner mit den Regeln vertraut gemacht, sagt Kirsten Jensen-Gentsch. Sie habe auch klar gemacht, dass sie und ihr Team darauf bedacht seien, dass es allen gut gehe. Gegenseitiger Respekt sei wichtig.
Es herrscht eine entspannte Atmosphäre in der Flüchtlingsunterkunft. Man schaut in fröhliche Gesichter.
„Die Menschen sind froh, dass sie es geschafft haben“, sagt Jensen-Gentsch. Sie weiß auch, dass die Jugendherberge nur ein Übergangsquartier ist. Das Team gibt deshalb Hilfestellung in vielen Bereichen für den Weg in die baldige Selbstständigkeit.
Sprache erlernen
Wichtig ist es, die deutsche Sprache zu lernen und die deutsche Kultur kennenzulernen. Ein Deutschkursus der Regio-VHS findet an fünf Tagen in der Woche, jeweils vier Stunden, direkt in der Jugendherberge statt. Birgit Klingenberg leitet den Kursus. Um die 20 Teilnehmer büffeln die deutsche Sprache, weitere Bewohner fahren zum Kulturhof oder nach Bookholzberg.
Die schulpflichtigen Kinder haben zurzeit Ferien, besuchen ansonsten die Grundschule an der Jägerstraße oder die Peter-Ustinov-Schule, eine Schülerin auch die Graf-Anton-Günter-Schule. „Es ist erstaunlich, wie schnell die Kinder Deutsch lernen“, so Jensen-Gentsch. Sie berichtet auch von einer Bewohnerin aus dem Iran, die die Aufnahmeprüfung für die Uni Oldenburg schaffen möchte und dafür mit Unterstützung von freiwilligen Helfern büffelt.
Die Hilfsbereitschaft sei groß, sagt Jensen-Gentsch. Aufrufe in sozialen Netzwerken, wenn Fahrräder oder Kinderwagen gebraucht wurden, fanden große Resonanz.
Erheblich verändert hat sich der Speiseplan. Das Küchenteam verfügt mittlerweile über eine umfangreiche Rezeptsammlung mit Gerichten aus den Herkunftsländern der Flüchtlinge. Vor allem Gemüse, Obst und Reis stehen auf dem Plan – Gewürze wie Koriander und Kreuzkümmel. Okraschoten mit Basmati-Reis wurde gerade als neues Gericht ausprobiert.
Neuer Speiseplan
Eine besondere Herausforderung war Ramadan. Die Hälfte der Bewohner machte mit beim Fasten. So gab es täglich um 22 Uhr ein aufgewärmtes Abendessen und um 2 Uhr in der Nacht ein Frühstück, weil nur nach Sonnenuntergang und vor Sonnenaufgang gegessen und getrunken werden darf. Das Ende der Ramadanzeit wurde am Dienstagabend mit dem Ramadanfest eingeläutet .
