Einswarden - Als Marlies Strauch „Lilli Marleen“ anstimmte, huschte ein Lächeln über das Gesicht der Frau, die sie besuchte. Vorher hatte sie nie etwas gesagt und kaum eine Regung gezeigt. Und plötzlich sang sie das alte Volkslied mit. Für solche Glücksmomente lebt Marlies Strauch. Und deshalb besucht sie jeden Donnerstag gemeinsam mit ihrer Schwester Renate Repert das Pflegeheim Haus Tongern. Sie hat große Freude an ihrer ehrenamtlichen Arbeit mit den Bewohnern, von den viele an Demenz leiden. Sie unterhält sich mit ihnen, singt mit ihnen, spielt mit ihnen. „Basteln ist nicht so mein Ding, das macht eher meine Schwester“, erzählt die 70-Jährige, die in Nordenham als Kandidatin für den Ehrenamtspreis „Mensch des Jahres 2017“ vorgeschlagen wurde.

Marlies Strauch ist eine waschechte Einswarderin. Sie ist hier geboren und lebt auch heute in dem Stadtteil, von dem sie sagt, er sei der schönste in Nordenham. Nur für ihre Ausbildung musste sie ihrer Heimat den Rücken kehren. Im Alter von 13 Jahren ging sie nach Mühlheim an der Ruhr und lernte dort den Beruf der Kammgarnspinnerin. Später arbeitete sie unter anderem als Strickerin bei Gerhards in Nordenham.

Dass Marlies Strauch einen Beruf lernen konnte, dass sie Kinder bekam, dass sie im TuS Einswarden Fußball spielte und später Tennis beim Blexer TB, war alles andere als selbstverständlich. Im Alter von acht Jahren erkrankte sie an Kinderlähmung. Sie verbrachte viel Zeit im Krankenhaus, konnte sich nicht mehr bewegen. Das zog sich über zwei Jahre hin. In der Schule wurde sie Humpelbein genannt. „Das hat mir aber nichts ausgemacht“, sagt Marlies Strauch. „Ich habe mich immer gewehrt.“ Mit ihrem Bruder hat sie Boxen trainiert. Die Einswarderin entwickelte eine Kämpfernatur. Auch als dreifache Mutter hatte sie es nicht immer leicht, weil ihr Mann Hans-Jürgen Strauch, mit dem sie inzwischen seit 48 Jahren verheiratet ist, zur See fuhr und nur wenige Wochen im Jahr zu Hause war.

Dass ihr Terminkalender auch im Alter von 70 Jahren prall gefüllt ist, hat nicht nur damit zu tun, dass Marlies Strauch nach wie vor als medizinische Fußpflegerin arbeitet. Die Einswarderin ist ein Energiebündel und in vielen Bereichen ehrenamtlich aktiv. Neben ihrem Einsatz im Haus Tongern kümmert sie sich beim Theater Fatale um die Requisiten. Von 1994 bis 2001 saß sie für die SPD im Stadtrat. Sie ist Frauenwartin beim Sozialverband Einswarden und stellvertretende Vorsitzende des Senioren und Behindertenbeirats der Stadt Nordenham. Gerade in diesen Funktionen kommt Marlies Strauch eine Eigenschaft zugute, auf die sie auch ein bisschen stolz ist: „Ich kann ziemlich nerven“, sagt die 70-Jährige. Diese Tugend setzt die Einswarderin ein, wenn es darum geht, Schwächeren zu helfen, sich für Frauenrechte stark zu machen oder bei der Stadt vorzusprechen, weil sich irgendwo eine Gehwegplatte angehoben hat und zur gefährlichen Stolperfalle werden könnte.

Zehn Jahre gehörte Marlies Strauch in der Wesermarsch-Klinik zu einem Team von Frauen, das sich wegen der Farbe ihrer Kittel die grünen Schwestern nannte. Ehrenamtlich kümmerten sich diese Frauen um Patienten, redeten mit ihnen, hörten ihnen zu, gaben ihnen Zuwendung. Noch heute hat Marlies Strauch Kontakt zu einer Frau in Berlin, die bei einem Autounfall in Hoffe schwer verletzt wurde. Marlies Strauch besuchte die Frau regelmäßig, tröstete sie und half bei vielen praktischen Angelegenheiten.

Die 70-Jährige freut sich, wenn sie etwas erreicht. Sie freut sich über die großen und die kleinen Erfolgserlebnisse. Und sie ist gerne zur Stelle, wenn sie helfen kann.

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