Oldenburg - Was braucht ihr? Welche Wünsche habt ihr? Wie wollt ihr leben?
Meike Nack hat an viele Türen geklopft. Und immer die gleichen Antworten bekommen. „Bildung, Arbeit, Gesundheitsversorgung – eine Zukunft“, haben die Frauen aus Rojava gesagt. Ein Jahr lang hat die Oldenburgerin den Menschen in Nordsyrien beim Aufbau neuer Lebensperspektiven geholfen. Sie hat Häuser gesucht, die von den Bomben des seit sechs Jahren wütenden Krieges, den Kämpfen und Angriffen verschont geblieben sind, hat Wände gestrichen und Fenster repariert, damit hier Kinder spielen und lernen können. Sie hat Freundschaften geschlossen und Abschiede betrauern müssen – Bekannte wurden verschleppt, sind gefallen oder geflüchtet.
Angst hat Meike Nack nie gehabt. Im Gegenteil: In den von der Terrormiliz IS befreiten Gebieten entwickle sich wieder Leben, Hoffnung und der Wille etwas Neues zu schaffen. Selbst da, wo der Islamische Staat alles zerstört hat – die Städte, Felder, Infrastruktur. „Nicht mal das Vieh haben sie da gelassen“, sagt die Soziologin.
Die Reise für die „Stiftung der freien Frau in Rojava“ habe ihre Sicht auf europäische Außenpolitik verändert. In Nordsyrien bilde sich gerade ein basisdemokratisches System. „Ganz ohne fortschrittliche Ideen aus dem Westen versuchen die Menschen eine multikulturelle Gesellschaft aufzubauen“, sagt Meike Nack und erzählt von Stadträten, in denen alle Ethnien vertreten sind – mit einem 45-prozentigen Frauenanteil. „Eine emanzipatorische Revolution“, sagt die Soziologin – „nach jahrelanger Unterdrückung und Herrschaft des Baath-Regimes, dem Terror der IS“.
Da gab es dieses Mädchen, eine 14-Jährige, die verheiratet werden sollte, deren Familie die Mitarbeiter der Stiftung überzeugen konnten, ihrer Tochter die Freiheit zu lassen: Die demokratische Bewegung hat festgelegt, dass junge Frauen mit 18 selbst entscheiden können, ob sie eine Ehe eingehen möchten. „Keine muss Hausfrau werden“, sagt Meike Nack. Mittlerweile gibt es in der Region eine Uni. Das unverheiratete Mädchen macht heute die Pressearbeit für die Frauenbewegungen.
Ihre Energie, der Mut jener Menschen dort, hat die Oldenburgerin beeindruckt. Ein paar Monate nach dem ehrenamtlichen Einsatz für die Stiftung ist sie nach Rojava zurückgekehrt. Gemeinsam mit einer Fotografin hat sie den friedlichen Kampf um einen demokratischen Neuanfang festgehalten. Die Bilder sind nun deutschlandweit in einer Wanderausstellung zu sehen. „Ich will, dass die Welt sieht, was da passiert – dass die Menschen selbst Lösungen suchen und finden, dass sie Unterstützung brauchen“, sagt die Oldenburgerin.
Die Vertreterinnen der Stadträte würden nicht zu den Genfer Konferenzen eingeladen werden, stattdessen säßen da Männer, die andere Interessen hätten – Geld und Macht. Nebenbei würden sich die Waffenexporte verdoppeln. Sie schüttelt den Kopf. Ihre Freunde und Bekannten aus Nordsyrien kann Meike Nack derzeit nur per Whats-App unterstützen – „die Grenzen sind dicht, hinfahren ist unmöglich.“ Auf dem Handy erreichen sie täglich traurige Nachrichten von Verstorbenen – aber auch Euphorie und Aufbruchsstimmung.
Momentan wird ein Waisenhaus aufgebaut – für all die elternlosen Kinder – und eine Klinik für Frauen. Die Aufarbeitung der ganzen Traumata müsse noch warten, schätzt die Soziologin. Dafür sei es zu früh: „Es herrscht Krieg, es geht ums Überleben.“ Auch psychologische Hilfe anzunehmen sei ein Tabu, das in dieser islamisch-patriarchalisch geprägten Welt noch gebrochen werden müsse. Zu tun gibt es viel.
Hier in Deutschland zu sein und nichts zu tun, ertrage sie nicht, sagt Meike Nack und betrachtet die Fotos der Frauen. Die meisten haben bei dem zweiten Besuch der Oldenburgerin kein Kopftuch mehr getragen. Sie haben eine Vorstellung davon, wie sie leben wollen, sie wissen, was sie brauchen. Ihr größter Wunsch bleibt unerfüllt: Frieden.
