München - Der Vater des von NSU-Terroristen ermordeten Halit Yozgat hat als Zeuge vor Gericht sehr emotional geschildert, wie er seinen Sohn in dessen Internetcafé in Kassel fand. Er sei am späten Nachmittag in das Café gekommen, um seinen Sohn abzulösen, der die Abendschule besuchte. Der 21-Jährige habe in seinem Blut hinter dem Empfangstisch gelegen. „Ich habe meinen Sohn in meine Arme genommen, aber er hat keine Antwort gegeben“, rief Ismail Yozgat auf Türkisch. Er sprang im Verhandlungssaal des Oberlandesgerichtes München auf und rief immer wieder: „Er hat keine Antwort gegeben!“

Seine Frau und sein Anwalt hatten sichtlich Mühe, den aufgebrachten Vater wieder zu beruhigen. Der Dolmetscher kam teilweise kaum mit der Übersetzung mit. Die Angeklagten verfolgten den Auftritt ohne sichtbare Regung, auch als Yozgat fragte: „Mit welchem Recht haben Sie das getan?“

Halit Yozgat wurde der Anklage zufolge am 6. April 2006 von den Neonazi-Terroristen Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt erschossen. Er war das neunte und letzte Opfer der Mordserie an türkisch- und griechischstämmigen Geschäftsleuten. Beate Zschäpe ist als Mittäterin an sämtlichen Anschlägen des „Nationalsozialistischen Untergrunds“ (NSU) angeklagt. Sie soll für die legale Fassade des Trios gesorgt haben.

Der Ex-Verfassungsschützer Andreas T. war in unmittelbarer Nähe, als Halit Yozgat erschossen wurde – doch er will von dem Mord nichts mitbekommen haben. Er habe erst später aus der Zeitung von dem Verbrechen erfahren, berichtete der 46-Jährige am Dienstag. Er sei dann irrtümlich davon ausgegangen, dass er nicht am Tattag, sondern 24 Stunden zuvor dort war.

Die Anwesenheit des Verfassungsschützers war Anlass für Spekulationen. Ermittlungen gegen Andreas T. wurden 2007 eingestellt. Mittlerweile arbeitet er nicht mehr für den Verfassungsschutz. Die Anklage im NSU-Prozess geht davon aus, dass er zufällig am Tatort war.

Der 46-Jährige hatte sich nach dem Mord nicht bei der Polizei gemeldet. Er konnte jedoch über die Internetprotokolle und sein Nutzerkonto in einem Chatforum ermittelt werden. Nach den Ermittlungen der Polizei spricht alles dafür, dass er im hinteren Teil des Cafés im Internet surfte, als Yozgat erschossen wurde. Während andere Gäste zumindest einen dumpfen Knall hörten, will T. überhaupt nichts mitbekommen haben. Nachdem er sich ausgeloggt hatte, habe er Yozgat gesucht, um zu bezahlen, erzählte er. Schließlich habe er einfach 50 Cent auf die Theke gelegt.

Die 50 Cent wurden tatsächlich auf dem Tisch gefunden. Dahinter lag Halit Yozgat. Der Vorsitzende Richter machte deutlich, dass er die Erklärung von Andreas T. für nicht sehr überzeugend hält. Die Vernehmung T.s soll fortgesetzt werden.