Nordenham - Die Veröffentlichung des Gutachtens, das die Rolle des früheren Vorsitzenden der Nordenhamer Goethe-Gesellschaft, Rudolf Spohr, während der Zeit des Nazi-Regimes beleuchtet, hat seinen in Berlin lebenden Enkel Johannes zu einer Stellungnahme veranlasst. Johannes Spohr betont, dass er nie behauptet habe, sein Großvater sei zeitlebens ein unbelehrbarer Nationalsozialist gewesen.

Wer verengte Fragen stelle – War Rudolf Spohr ein lebenslanger Nationalsozialist? War er ein Kriegsverbrecher? – und dabei „jegliche Nuancen und Ambivalenzen“ ignoriere, bekomme die passenden Antworten, meint Johannes Spohr. Viel mehr sei von einer politisch-ethischen Grundsatzdebatte zu dem Thema bisher kaum zu vernehmen.

Wie berichtet, hat der Vorsitzende der Historischen Kommission für Niedersachsen und Bremen, Professor Dr. Thomas Vogtherr von der Universität Osnabrück, das Gutachten verfasst. Darin kommt er zu dem Ergebnis, dass der Lebensweg des 2006 verstorbenen Rudolf Spohr nicht außergewöhnlich gewesen sei. Die von ihm verfassten Erklärungen zu Krieg und Nationalsozialismus hätten sich an den damals üblichen Formulierungsgewohnheiten orientiert. Dazu Johannes Spohr: „Wie man nun zu der damaligen Durchschnittlichkeit steht, ist die eigentlich interessante Frage.“ Er selbst habe in der öffentlichen Debatte mehrfach versucht, deutlich zu machen, dass sein Großvater „am ehesten ein Beispiel einer Normalität ist, der man sich nie gestellt hat“.

Zu dieser „Normalität“ habe unter anderem ein Angriffskrieg gegen die Sowjetunion gehört, dem 20 Millionen Sowjetbürger zum Opfer gefallen seien. In der Ukraine habe sie den Tod von weit über einer Million Juden, das Verschleppen von mehr als einer Million Menschen zur Zwangsarbeit, die rücksichtslose Plünderung und schließlich die Zerstörung der Industrie wie hunderter Städte und Dörfer im Rahmen der Politik der „verbrannten Erde“ bedeutet.

In der früheren Bundesrepublik wiederum sei es Normalität gewesen, dass sich kaum jemand dafür habe verantworten müssen. „Es bestand nur ein äußerst marginales Interesse, nach individuellen Verantwortlichen und Rollen, geschweige denn nach den Folgen in den ehemals besetzten Ländern zu fragen“, sagt Johannes Spohr. Spuren dieser Normalität würden sich bis heute auch in vielen Familien wiederfinden. „Die Besonderheit ist nun nicht die nachweisliche Verantwortung meines Großvaters, sondern dass ein Teil der Familie diesen Spuren nachgeht und darüber spricht.“