Essen - Die über 370 Jahre alte, weithin sichtbare Essener Windmühle auf dem nordöstlich des Dorfes gelegenen Hof Diekmann wird mit einem erheblichen Aufwand saniert und restauriert. Im Laufe des Jahres 2021 soll sie wieder so aussehen wie in den Zeiten, als sich die Flügel noch drehten und die Mahlsteine bewegten. Die Arbeiten dazu wurden im September 2020 im Auftrag des Essener Heimatvereins begonnen.
Die letzte Person, die die Flügel der Mühle von der Galerie aus durch Einstellen des „Steerts“ optimal zum Wind hin stellen konnte, war der Müllermeister Josef Diekmann (1894 bis 1971). Er, der letzte Essener Windmüller, hat sehr viel in der Windmühle und auch in seiner Motormühle an der Löninger Straße gearbeitet.
Die jetzige Sanierung der Windmühle nehmen wir zum Anlass, über den letzten Essener Windmüller zu berichten. Vor allem über eine seiner besonderen Taten.
Im vorletzten Jahr des Zweiten Weltkriegs hatte Diekmann jungen, hungrigen polnischen Zwangsarbeitern geholfen. Die Polen hatten mehrere Tage hindurch in den Gleisanlagen westlich seines Hofes arbeiten müssen. Diekmann steckte ihnen kleine Schwarzbrotstücke zu.
Schuften in der Kälte
Der Müller hatte die Gruppe von jungen Männern immer wieder gesehen. Von seinem Hofgelände aus und auch beim häufigen Passieren eines beschrankten Bahnübergangs. Diese Männer mussten dort, wie er Tag für Tag feststellte, bei winterlicher Kälte etliche Stunden schwer arbeiten. Sie waren, wie der Müller erfuhr, vom Nazi-Regierung nach Deutschland beorderte polnische Zwangsarbeiter.
Die Polen hatten damals Aufgaben zu erledigen, für die eigentlich deutsche Bahnarbeiter zuständig waren – Mitglieder einer zur Bahnmeisterei Quakenbrück gehörenden Gruppe, damals „Rotte“ genannt. Da zumeist die wehrpflichtigen deutschen Mitglieder so einer „Rotte“ zum Kriegsdienst eingezogen waren, setzte die Bahn als Ersatzkräfte zwangsweise rekrutierte Ausländer ein.
Die Zwangsarbeiter mussten aber nicht nur sehr schwer schuften: Müller Diekmann stellte – auch in Gesprächen mit den Aufsehern – fest, dass sie während der Arbeitspausen nur sehr karge Mahlzeiten erhielten. Mahlzeiten, von denen seiner Meinung nach niemand satt werden konnte.
Handeln als Christ
Und so half Diekmann ihnen, was dem damaligen Naziregime und einigen seiner Vertreter grundsätzlich missfiel. Hatte er doch die ausländischen Arbeiter nicht – wie damals üblich – als Feinde angesehen, sondern als notleidende Mitmenschen, denen man als Christ helfen musste.
Die Nazis bekamen durch einen Denunzianten Wind von Diekmanns guter Tat, und ein offizielles Verfahren wurde gegen ihn eingeleitet. So hätte die gute Tat den Müller fast hinter Gitter gebracht. Und die Gefängnisse waren zu dieser Zeit gefürchtet.
Josef Diekmann entging dem Gefängnisaufenthalt, weil er sich frei kaufen konnte. Mit einem damals riesigen Betrag von mehreren tausend Reichsmark – und das für eine heldenhafte Tat.
