Die Europäische Union beweist Mut zur Krise. In ungewöhnlicher Strenge verschiebt sie kurzerhand die lange versprochenen Beitrittsverhandlungen mit dem Beitritts-Kandidaten Kroatien.

Die Regierung in Zagreb leistet nach Erkenntnissen des Internationalen Kriegsverbrechertribunals und der nationalen Geheimdienste keinen ausreichenden Beitrag zur Ergreifung des flüchtigen Ex-Generals Ante Gotovina. Pädagogische Radikalmaßnahmen dieser Art lassen aufmerken, geleitete Brüssel doch bislang sämtliche EU-Aufnahmekandidaten mit großer Nachsicht und Milde auf den rechten Pfad.

Europa glaubt diesmal deutlich machen zu müssen, dass die Balkanpolitik und der eng mit ihr verbundene Respekt vor dem 1993 geschaffenen Haager Uno-Tribunal keinen Raum für Kompromisse dulden.

Fraglos ist Druck der EU unerlässlich, um der resoluten Chefanklägerin Carla Del Ponte in Den Haag die Ermittlungsarbeit gegen prominente Untergrundheroen wie die gesuchten Gotovina, Karadzic oder Mladic zu ermöglichen.

Dennoch: Der harte EU-Kurs gegenüber Kroatien birgt auch gehörige Risiken. Niemand vermag mit letzter Gewissheit zu sagen, ob sich Gotovina, ein wendiger Typ mit bewegter Fremdenlegionärs-Vergangenheit, französischem Pass und internationalen Kontakten, tatsächlich in der Einflusssphäre der kroatischen Regierungsstellen versteckt.

Sollen bis zum Tag seiner Auslieferung all jene demokratischen Reformkräfte in politische Geiselhaft genommen werden, die Kroatien binnen weniger Jahre zu einem Hoffnungsträger der Region gemacht haben?

Die EU benötigt bei der Behandlungen der komplexen Balkan-Problematik dauerhaft mehr Phantasie, als sie jetzt mit dem brüsken Türzuschlagen offenbart. Vor allem wird sie sich an ihrer zur Schau gestellten Prinzipienfestigkeit messen lassen müssen. Spätestens im Oktober, wenn die Aufnahme von Beitrittsgesprächen mit der Türkei ansteht.

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