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Geschichte Fall Spohr rückt in ein ganz neues Licht

Christian Schöckel

Nordenham - Im Fall Spohr hat die Goethe-Gesellschaft am Sonntag eine Entscheidung darüber verschoben, ob sie dem 2006 Verstorbenen posthum den Titel des Ehrenvorsitzenden aberkennt. Anlass dafür ist ein Schreiben des ältesten Spohr-Sohnes Michael.

Wie berichtet, galt Rudolf Spohr als großer Kulturförderer und angesehener Bürger. Die Stadt verlieh ihm deshalb 1994 die Ehrenplakette in Gold. Rudolf Spohr war auch Motor der Nordenhamer Goethe-Gesellschaft, stand ihr von 1952 bis 1966 als 2. und in den folgenden 27 Jahren als 1. Vorsitzender vor und machte sie zur zweitgrößten der mittlerweile 60 Ortsvereinigungen in Deutschland.

Als Burkhard Leimbach 1993 den Vorsitz übernahm, wurde Rudolf Spohr zum Ehrenvorsitzenden der Kulturvereinigung ernannt. Im Jahr 2006 verstarb er. Spohrs Tochter Bettina und sein Enkelsohn Johann deckten nach Aufarbeitung der Familiengeschichte im September 2014 ein dunkles Kapitel in Rudolf Spohrs Vergangenheit auf und machten es öffentlich: Seither steht er im Verdacht, ein überzeugter Nationalsozialist gewesen und von seiner menschenverachtenden Gesinnung nie abgewichen zu sein. Seither wird auch heiß diskutiert, ob die Stadt ihm die Ehrenplakette aberkennen soll.

Die Stadtverwaltung votierte dagegen, weil es, so Vize-Verwaltungschef Carsten Seyfarth, „keine juristisch belastbaren Erkenntnisse“ gebe.

Ethische Aspekte

So formal-juristisch einfach könne es sich die Goethe-Gesellschaft nicht machen, es gehe auch um moralisch-ethische Aspekte, urteilte ihr Vorsitzender Burkhard Leimbach. Spohrs Haltung stehe im Widerspruch zum Leitbild der Goethe-Gesellschaft, seine Glaubwürdigkeit sei nicht mehr gegeben.

Zentraler Punkt der Jahreshauptversammlung am Sonntag im Nordenham-Museum war der Antrag eines Mitglieds auf Aberkennung des Titels des Ehrenvorsitzenden. Eine lebhafte und und kontroverse Diskussion stand im Raum. Doch es kam ganz anders: Burkhard Leimbach bat um Aufschub, um eine Moratoriumsfrist von drei bis vier Monaten. Alle vorhandenen Dokumente müssten von der Familie Spohr angefordert werden. Sie müssten ebenso wie Einschätzungen und Stellungnahmen langjähriger Weggefährten Spohrs in der Nachkriegszeit allen Goethe-Mitgliedern zugänglich gemacht werden. Wenn nötig, seien zu ihrer Interpretation Historiker hinzuzuziehen.

Anlass für dieses „Halt!“ war für Leimbach ein Schreiben des ältesten Spohr-Sohnes Michael vom vorhergehenden Freitag. Michael Spohr widerspricht darin massiv seiner Schwester Bettina, spricht von falscher Bewertung und wirft ihr sogar „selektive Dokumentationsauswahl und tendenziöse Interpretation“ vor.

„Seit vorgestern ist es eine ganz neue Situation für uns,“ sagte Burkhard Leimbach. Man könne in einer „laufenden Beweisaufnahme nicht schon zur Urteilsfindung aufrufen“. Dies sei unseriös und mache angreifbar.

Streit in der Familie

Der Brief zeige zudem, dass die Goethe-Gesellschaft „zum Spielball der Parteien der traurigen Zerrissenheit der Familie Spohr“ werde – auf der einen Seite Enkel und Tochter, auf der anderen die Söhne Michael und Joachim.

Beide Parteien befeuerten die Diskussion, doch die Goethe-Gesellschaft dürfe sich nicht instrumentalisieren lassen. Selbst bei unterschiedlichen Meinungen sei gegenseitige Wertschätzung nötig. „Gehen wir fair mit einem Menschen um, der nicht mehr mit am Tisch sitzt und selbst Stellung nehmen kann.“ Nach kurzer Diskussion, in der bewusst auf inhaltliche Bewertungen verzichtet wurde, unterstützten die Mitglieder bei einer Gegenstimme und einer Enthaltung den Wunsch des Vorstandes. Das Moratorium soll etwa bis Mai dauern.

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