Berlin - Um 18.06 Uhr herrscht Klarheit: Ursula von der Leyen kann aufatmen. Sie darf ihren Doktortitel behalten. Es gebe zwar „klare Mängel“ in ihrer Dissertation, aber „das Muster der Plagiate“ spreche nicht für eine Täuschungsabsicht. „Es geht hier um Fehler, nicht um Fehlverhalten“, erklärte Christopher Baum, Präsident der Medizinischen Hochschule Hannover (MMH). Immer wieder spricht Baum von „Frau Dr. von der Leyen“.
Fehler Ja, Titelentzug Nein – der Quasi-Freispruch ihrer Hochschule nimmt Druck von der Verteidigungsministerin. Eine schärfere Rüge oder die Aberkennung ihres Titels hätte die Frage nach der politischen Zukunft der 57-Jährigen aufgeworfen. Hat sie doch als Ministerin und Oberbefehlshaberin über 180 000 Soldaten Vorbildfunktion. Nicht zuletzt auch deshalb, weil sie die Verantwortung für die Universitäten der Bundeswehr trägt.
Kurz nach der Entscheidung meldete sich die Verteidigungsministerin, die sich zurzeit in den USA aufhält, erleichtert selbst zu Wort. Von der Leyen selbst hatte im August vergangenen Jahres um eine Prüfung ihrer Dissertation aus dem Jahr 1990 gebeten, nachdem sie ins Visier anonymer Plagiatsjäger geraten war. Auf der Internetseite „Vroniplag Wiki“ war die Rede von Fundstellen mit nicht oder nicht richtig gekennzeichneten Zitaten auf 27 von 62 Seiten. Das Werk wurde ein halbes Jahr geprüft.
Hochspannung bis zum letzten Moment, dann schließlich Entlastung für die Verteidigungsministerin, die immer wieder als mögliche CDU-Favoritin für die Nachfolge von Bundeskanzlerin Angela Merkel gehandelt wurde. An der kalifornischen Universität Stanford, wo von der Leyen in den Neunzigerjahren gelebt hatte und Gasthörerin an der Medizinischen Fakultät war, stand für sie Mittwochabend ein Vortrag auf dem Programm. „Aktuelle Herausforderungen für die internationale Sicherheit – Folgen für Deutschland und Europa“, so der Titel der Veranstaltung. In der Einladung war ihr Doktortitel ausdrücklich erwähnt.
Von der Leyen darf ihn behalten und genießt unverändert das Vertrauen der Kanzlerin. „Selbstverständlich!“, antwortete Regierungssprecher Steffen Seibert auf eine entsprechende Frage. Mit dem früheren Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) und Annette Schavan (CDU), der ehemaligen Bundesbildungsministerin und Vertrauten der Bundeskanzlerin, hatten gleich zwei Mitglieder einer Regierung Merkel wegen Plagiatsvorwürfen ihr Amt abgeben müssen. „Die Ministerin ist eine hervorragende Verteidigungsministerin, was man gerade in diesen Tagen wieder beim Zustandekommen der Nato-Aktivitäten in der Ägäis gesehen hat“, erklärte Seibert.
Doch hat die Entscheidung im Fall von der Leyen ein „Geschmäckle“? Wiederholt war über enge Verbindungen zwischen der Ministerin und ihrer ehemaligen Hochschule berichtet worden. So lehrt ihr Ehemann Heiko nach Medienberichten seit 2001 als externer Professor für innere Medizin an der MHH und ist Geschäftsführer eines von der Hochschule mitgegründeten Zentrums für Arzneimittelstudien. Die Hochschule hatte den Vorwurf der Interessenkollision immer wieder zurückgewiesen.
