Seit 14 Monaten gibt es in Ganderkesee die Bürgerstiftung. Einer der Mitbegründer und Vorsitzender dieser Stiftung ist Dr. med. Hans-Georg Zechel. Obwohl er in Schwanewede wohnt, ist er in Ganderkesee kein Unbekannter. Geboren wurde Hans-Georg Zechel im Februar 1945 in Dresden, das durch den Krieg zu der Zeit in „Schutt und Asche“ lag. Aufgewachsen ist er in Rippien, einem kleinen Ort in der Nähe von Dresden. Hier verwalteten seine Eltern bis zur Zwangskollektivierung ein Rittergut. „Wir waren arm wie die Kirchenmäuse, aber es war herrlich“, beschreibt Hans-Georg Zechel seine Kinderzeit.

Nach acht Jahren Grundschule, ging es dann für vier weitere Jahre auf das Gymnasium. Schon zu dieser Zeit konnte er dem System in der DDR nicht viel Gutes abgewinnen. Er wollte einen möglichst unabhängigen Beruf und so studierte er nach dem Abitur Medizin. 1975 hatte Hans-Georg Zechel nicht nur seinen Doktortitel und die Ausbildung zum Facharzt für Orthopädie geschafft, sondern auch schon eine kleine Familie gegründet – eigentlich ein Grund, um zufrieden zu sein. Aber der damals 30-Jährige war alles andere als glücklich in seinem Heimatland. „Ich bin nicht in die Welt gesetzt worden, um die politischen Gegebenheiten in der DDR mitzumachen“, sagte er sich.

Immer mehr reifte in ihm und auch bei seiner Ehefrau der Entschluss, der DDR den Rücken zu kehren. Ein Freund vermittelte ihn an eine Fluchthilfe-Organisation. In verschlüsselten Briefen und Telefonaten wurden Absprachen getroffen. Außer seiner Ehefrau wusste niemand von den Plänen. Dreimal wartete das Ehepaar Zechel mit den beiden kleinen Kindern nachts an der B 5 vergebens auf das Fahrzeug, das sie in den Westen bringen sollte.

Im Sommer 1976 war es aber soweit. Mitten am Tag stiegen alle vier in den Kofferraum eines Autos, mit einem Fahrer und Beifahrer die sie vorher noch nie gesehen hatten. Vier Stunden dauerte die Fahrt bis zur Grenze und gerade dort wurde eines der beiden kleinen Kinder unruhig. „Ich hörte schon die Handschellen klicken!“, erinnert sich der Mediziner noch genau an diesen sehr kritischen Augenblick. Sie hatten Glück, der Grenzsoldat schöpfte keinen Verdacht und als das Fluchtauto außer Sichtweite der Grenze war, öffnete der Fahrer den Kofferraum mit den Worten: „Wir sind durch!“ – „Dieser Moment war der Höhepunkt meines Lebens“, schildert Zechel den Augenblick. Sie gehörten zu einer der ersten Familien aus Dresden, denen nach dem Mauerbau die Flucht gelungen war.

Die ersten Tage verbrachte die Familie im Notaufnahmelager Berlin-Marienfelde. Da Hans-Georg außer seinen Führerschein keine Papiere dabei hatte, mussten Bekannte eidesstattlich erklären, dass er ausgebildeter Arzt war. Doch ein weiteres Problem wartete auf die junge Familie. Für die gelungene Flucht verlangten die Helfer und deren Organisation 80 000 DM. Kurz nach der Flucht wurde Hans-Georg Zechel ins Verlagshaus Axel Springer eingeladen und dort vom Chef Axel Springer persönlich empfangen. Nach einem langen Gespräch steckte Springer ihm einen Umschlag mit Geld zu. Den Rest lieh sich die Familie von Bekannten.

Hans-Georg Zechel konnte auch gleich als Urlaubsvertretung in einem Krankenhaus in Berlin arbeiten. Dann bot ihm der Leiter des Diakonie-Krankenhauses in Bremen, der selbst aus Leipzig stammte, eine Oberarztstelle in der Orthopädie an. Familie Zechel hatte nun in Bremen eine neue Heimat gefunden. „Wir haben uns hier auf Anhieb wohlgefühlt.“ Zehn Jahre später, es war 1986, suchte die Orthopädie-Fachklinik in Stenum einen Oberarzt, der dann ein Jahr später die Leitung dieser Klinik übernehmen sollte. In allerletzter Minute entschied er sich für eine Bewerbung und hatte Glück.

„Super-Lage mit einer tollen Atmosphäre“, schwärmt Dr. Zechel in höchsten Tönen von dieser Zeit. Jeden Tag, ob Sommer oder Winter, ist er die 25 Kilometer von Schwanewede zur Arbeit nach Stenum mit dem Fahrrad gefahren. Sein großes Engagement und der hohe Zeitaufwand für die Klinik und den Patienten hatten aber auch ihren Preis, denn hieran scheiterte seine Ehe.

1998 fuhr er im Urlaub erstmals mit einem Team in den Nordosten Indiens, um dort im Rahmen des Hilfsprojektes „JOHAR“ Kinder mit Missbildungen zu operieren. Jedes Jahr ist Dr. Zechel seitdem in Indien und steht dort etwa 14 Tage im Operationssaal um Kindern zu helfen. Am kommenden Donnerstag geht es wieder für 16 Tage nach Indien.

Gegründet wurde dieses Projekt von Claudia Stauss. Die Zusammenarbeit muss sehr gut gewesen sein, denn inzwischen ist Dr. Zechel mit ihr verheiratet. Neben seinen beiden schon erwachsenen Kindern hat er nun noch zwei kleine Kinder im Alter von fünf und acht Jahren.

„Durch meinen langjährigen beruflichen Aufenthalt in der Gemeinde Ganderkesee habe ich hier viele Menschen kennen und schätzen gelernt“, erzählt Dr. Zechel mir zum Schluss. „Auch darum engagiere ich mich für die hiesige Bürgerstiftung.“

Dr. Hans-Georg Zechel Vorsitzender der Bürgerstiftung Ganderkesee und früherer Chefarzt der Klinik Stenum