Wüsting - Es könnte die Geschichte einer ganz normalen 17-jährigen Jugendlichen im Jahr 1972 sein. Manuela Morgenstern hat die zehnte Klasse mit sehr guten Noten abgeschlossen, an einer weiterführenden Schule ist sie angemeldet. Es ist Sommer, die großen Ferien haben gerade erst begonnen und ihre Eltern wollen das allererste Mal mit ihr und ihren Brüdern in den Urlaub fahren – es soll nach Bulgarien gehen.
Außerdem erlebt Manuela gerade ein Gefühl, dass die Pubertät schrecklich und schön zu gleich machen kann: Sie ist verliebt. Da hört die Geschichte des ganz normalen 17-jährigen Mädchens auf. Denn Manuelas Freund kommt aus Westdeutschland und sie lebt in der DDR. Er war nur in seinen Ferien zu Besuch. Fast ein Jahr lang soll sie ihn nun nicht wiedersehen – was sie damals nicht wusste, ist, dass es deutlich mehr als ein Jahr werden sollte.
Flucht statt Urlaub
Denn Manuelas Eltern wollen gar nicht mit den Kindern in den Urlaub fahren. Sie haben vor, aus der DDR zu fliehen. Also erzählt sie, wie sie mit einem Fluchthelfer versuchten über die Grenze zu gelangen.
Insgesamt waren sie neun Personen und mussten im Kofferraum über die Grenze gebracht werden. Ihre Mutter und ihre jüngeren Brüder sowie ihre Tante und Cousinen schafften es. Sie, ihr Vater und ihr Onkel nicht. „Oft haben die Fluchthelfer ja mit der Stasi zusammengearbeitet und wussten genau, wann wer rüber gebracht wurde. Dann wurden Familien ganz bewusst getrennt“, erzählt sie. Das passierte auch ihr.
„Ah, so wird das also gemacht. Steigen Sie mal aus!“, sagte der Grenzer als er sie und ihren Vater im Kofferraum entdeckte.
Zwei oder drei Tage wurde sie in Schwerin verhört, immer war das Licht an, schlafen durfte sie nicht, verlor nach kürzester Zeit sämtliche Orientierung. Dann kam sie nach Berlin ins Stasi-Gefängnis Hohenschönhausen. Dort kam sie in eine Zelle, ganz alleine. „Ich wusste nicht, was mit meinem Vater war“, sagt Manuela. Das sollte auch lange Zeit so bleiben. Erst nach fünf Monaten sah sie ihn wieder – bei der Gerichtsverhandlung. Ihr Vater wurde zu drei Jahren und vier Monaten verurteilt, ihr Onkel zu vier Jahren und zwei Monaten, sie selber zu einem Jahr und drei Monaten.
Sie kam ins Frauengefängnis Hoheneck und erlebte Erniedrigungen, die sie heute kaum in Worte fassen kann. Erst am 25. Juli 1973 wurde sie von der Bundesrepublik freigekauft und durfte endlich zu ihren Verwandten.
Flüchtling im Heimatland
„Ich bin noch heute so unendlich dankbar“, sagt sie und zeigt ihren Flüchtlingsausweis. „Ich bin ein Flüchtling. Ich konnte die Sprache, ich hatte finanzielle Hilfe – und trotzdem war es schwierig mich einzuleben“, sagt Manuela Morgenstern, die heute in Bremen lebt.
Insofern ist ihre Geschichte eine sehr aktuelle. Eine Geschichte, die zeigt, wie wichtig es ist, geflohenen Menschen zu helfen.
