Den Haag/Belgrad - Der serbische Nationalistenführer Vojislav Seselj ist von allen neun Anklagepunkten zu Verbrechen im Bürgerkrieg auf dem Balkan freigesprochen worden. Die Anklage habe seine Verantwortung für Mord, Deportation, Verfolgung und Folter von Kroaten und Muslimen nicht bewiesen, urteilte das UN-Kriegsverbrechertribunal zum früheren Jugoslawien am Donnerstag.

Es sei „ein antiserbisches Gericht in der Hand der westlichen Mächte“, sagte Seselj in Belgrad. Er war bei der Urteilsverkündung in Den Haag nicht anwesend. Der 61-Jährige kündigte an, eine Entschädigung von 14 Millionen Euro für seine elf Jahre dauernde Haftzeit zu verlangen.

Der Vorsitzende der großserbischen Radikalen Partei (SRS) war 2014 wegen einer Krebserkrankung aus der Untersuchungshaft entlassen worden. Er hatte sich dem Gericht 2003 selbst gestellt.

Der Freispruch war eine große Überraschung. Seselj galt wegen seiner hasserfüllten Propaganda gegen Kroaten und Muslime als einer der schlimmsten Kriegstreiber. Die Anklage hatte 28 Jahre Haft gefordert. Nach dem rund 13 Jahre dauernden Verfahren aber erklärte der Vorsitzende Richter Jean-Claude Antonetti: „Mit diesem Freispruch ist Vojislav Seselj ein freier Mann.“

Die Anklage erwägt, Berufung einzulegen. Das Urteil entspreche nicht der bisherigen „konsistenten Rechtsprechung des Tribunals“.

Fassungslos reagierten kroatische Medien: „Schock in Den Haag“ schreibt die kroatische Zeitung „Jutarnji list“, und das populäre Portal „Telegram“ kommentiert: „Schändliches Urteil“.