Berlin - Durchaus mit Sorge war der Antrittsbesuch des neuen polnischen Präsidenten Andrzej Duda in Berlin erwartet worden. Einige hatten nicht nur einen Rückfall in die schwierigen Jahre der Brüder Jaroslaw und Lech Kaczynski befürchtet, die Regierungschef und Staatspräsident in Warschau waren. Immerhin gehört auch Duda zur nationalkonservativen und nicht eben deutschfreundlichen Partei Recht und Gerechtigkeit (PiS). Aber auch die großen Krisen in Europa, vor allem der Ukraine-Konflikt und die Flüchtlingsdramen, sehen Berlin und Warschau derzeit nicht gerade in trauter Einigkeit.

Nach Dudas Kurzbesuch bei Bundespräsident Joachim Gauck und Kanzlerin Angela Merkel überwiegt Erleichterung, manche sprechen sogar von einer „positiven Überraschung“. Der neue Präsident, erst 43 Jahre alt, lässt keinen Zweifel daran, dass er Deutschland und die Deutschen mag, nicht nur deshalb, weil seine Frau Agata Deutschlehrerin ist.

Aber Duda gehört auch einer neuen Generation an. Bei Willy Brandts Kniefall im ehemaligen Warschauer Ghetto 1970 war er noch nicht geboren, erwähnt er im Gespräch mit Gauck. Die beiden trafen sich an diesem Freitag zum ersten Mal, und Duda versäumte nicht, auf Gaucks Vergangenheit in der DDR und die gemeinsame Erfahrung in sowjetisch geprägten Systemen hinzuweisen.

Beim derzeit alles beherrschenden Thema Flüchtlinge zieht auch Gauck genau diese Parallele. Ebenso wie Polen habe auch Ostdeutschland eben noch nicht so lange „Bürgertugenden trainieren“ können wie der Westen, was auch den unterschiedlichen Umgang mit Flüchtlingen erkläre. Und er sieht die Nachbarn in der Pflicht, nicht nur die Polen: „Schaut doch, dass ihr selber Hilfe gebraucht habt und Hilfe erhalten habt.“ Notwendig seien Innovationsgeist und Mut, nicht Angst.

Als dickster Brocken in den deutsch-polnischen Beziehungen dürfte sich auch in den nächsten Monaten die Ukraine-Krise erweisen - und Polens unmissverständliche Forderung nach stärkerer Nato-Präsenz in Osteuropa. Duda verwies in Berlin schon auf den Nato-Gipfel 2016 in Warschau und machte klar, dass er die bisherige militärische Antwort des westlichen Bündnisses an Moskau für völlig unzureichend hält. Nicht nur ein ungenaues Sicherheitsgefühl müsse gestärkt werden, sondern auch die „wahre Sicherheit“, sagte er.

Unüberhörbar sprach Duda in Berlin auch ein weiteres schwieriges Thema an. Seit langem fordert Warschau, dass die knapp zwei Millionen Polen in Deutschland einen offiziellen Minderheitenstatus zugesprochen bekommen, etwa wie die Dänen in Schleswig-Holstein. Dabei geht es nicht nur um polnischen Sprachunterricht in den Schulen. Gauck konnte bei diesem Punkt keinerlei Zusagen machen.