Dötlingen - Montagnachmittag auf dem Dötlinger Gierenberg: Es ist ein grauer Novembertag, dieser 9. November 2015, leichter Regen lässt ihn noch trister erscheinen. Doch am großen Findling stehen 17 Frauen und Männer. Sie lauschen den Worten von Barbara Kramer, sie singen gemeinsam Friedenslieder, sie tanzen und beten. „Der Stein des Anstoßes auf dem Gierenberg bekommt ein neues Gesicht“, sagt Kramer und will ein „Zeichen des Friedens“ setzen. Sie möchte mit der Zusammenkunft und dem symbolischen Akt die Steinsetzung mit eingemeißeltem Hakenkreuz von 1933 wieder gut machen.
„Der große eiszeitliche Geschiebeblock, er stammt aus der Umgebung des Dorfes, fand, aufgerichtet, von 1933 bis 1945 als Denkmal Verwendung“. So steht es unten am Fuße des Gierenbergs auf einer Tafel am Heideweg. Das Wort Nationalsozialismus taucht mit keiner Silbe auf, doch das war der Anlass für den großen Stein auf dem 35 Meter hohen Berg. Menschen aus Dötlingen hatten 1933 ein Zeichen setzen und ihre Begeisterung für die NS-Machtübernahme zeigen wollen. Dafür scheuten sie kaum Mühen, um den großen Findling samt Hakenkreuz und Jahreszahl 1933 aufzustellen. Nach Kriegsende wurde der Stein so gekippt, dass das Hakenkreuz nicht mehr zu sehen war und ist.
Zeichen des Friedens
Im Frühjahr 2015 kommt „De Moler“ Friedrich Lüers aus Geveshausen auf die Idee, 70 Jahre nach Kriegsende den Stein wieder aufzustellen als Zeichen des Friedens. Bildhauer Hossein Razagi aus Neerstedt soll dem Findling ein neues Gesicht geben und den „Stein des Anstoßes“ in ein „Denk-Mal des Friedens“ verwandeln.
„Es ist mir Anlass, unter den unrühmlichen Teil der Dötlinger Vergangenheit symbolisch mit der Enthüllung des neu bearbeiteten Steins einen Schlussstrich zu ziehen und zwar durch heutige Kunstschaffende der Gemeinde Dötlingen.“ So steht es im Antrag von Lüers an die Gemeinde Dötlingen.
Öffentlich ist dieser Vorstoß nicht diskutiert worden, denn die Gemeinde hat ihn im nicht-öffentlichen Verwaltungsausschuss behandelt – und abgelehnt. In einem kurzen Brief teilte Bürgermeister Ralf Spille im Sommer dem Künstler mit: „Der Ausschuss war der Auffassung, dass mit der Errichtung des Mahnmals bei der Kirche ein deutliches Zeichen für den Frieden gesetzt wurde und damit gleichzeitig eine Mahnung an Verfolgung, Mord, Zwangsarbeit und Vertreibung. Man möchte dieses Mahnmal nicht durch ein weiteres Denkmal entwerten.“
Lieder und Tanz
Der negative Bescheid aus dem Rathaus hat Barbara Kramer, Lebensgefährtin von Lüers, nicht ruhen lassen. Das Zeichen des Friedens blieb ihr Anliegen, wie sie schilderte. Sie ließ Hossein Razagi zwei kleine Findlinge aus ihrem „Garten der Religionen“ mit Gesichtern eine neue Gestalt geben. Am Montag zeigt sie diese Steine jedem einzelnen mit den Worten „Denk mal Frieden“. Dann stellt sie die Steine während der Feierstunde vor dem Findling auf.
„Dieses Fest ist ein Neubeginn, ein Anfang“, so Kramer. Dazu überreicht sie allen Gästen Samen einer Farnpflanze als symbolisches Zeichen. Eine Gruppe aus Bremen steuert Friedenslieder in unterschiedlichen Sprachen bei, sogar Tanzeinlagen. Nach einer halben Stunde ist das Friedensfest vorbei, an dem auch Friedrich Lüers und weitere Dötlinger teilnehmen.
Auf den Gierenberg kehrt wieder absolute Stille ein. Die beiden kleinen Steine werden in den Garten der Religionen zurückkehren, das Fest hinterlässt vor Ort keine Spuren. Das ist im Sinne von Kramer: „Dieses Fest ist weder eine Provokation noch Widerstand gegen den Beschluss des Verwaltungsausschusses“, betonte sie im Vorfeld. Ihr ginge es um den Frieden, um nichts anderes.
