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NWZonline.de Nachrichten Politik

Dieses Flugzeug ist Geschichte

24.09.2017

Friedrichshafen Alle Augen blicken in die gleiche Richtung, es herrscht gespannte Stille. Plötzlich ertönt ein Rauschen, das sich schnell in ohrenbetäubendes Dröhnen verwandelt. Aus dem Morgennebel taucht die Silhouette einer Antonow 124 auf. An Bord hat das riesige Transportflugzeug eine historische Fracht: Mit 20 Minuten Verspätung bringt es am Samstag den Rumpf der „Landshut“ aus Brasilien nach Friedrichshafen am Bodensee.

Die 20 Minuten sind eine kurze Zeitspanne im Vergleich zu 40 Jahren. Die sind vergangen, seitdem der Urlaubsflieger im „Deutschen Herbst“ auf dem Weg von Mallorca nach Frankfurt von vier palästinensischen Terroristen entführt wurde. Nach einer Odyssee über fünf Länder stürmte die Spezialeinheit GSG 9 am fünften Tag die Maschine in der somalischen Hauptstadt Mogadischu und befreite 86 Geiseln. Die Landshut war danach noch lange für verschiedene Airlines im Einsatz - bis man sie Anfang 2008 für fluguntauglich erklärte. Im brasilianischen Fortaleza rottete die Maschine vor sich hin und stand kurz vor der Verschrottung.

Viel Flughafenpersonal und mehrere Tausend Besucher harren am frühen Samstagmorgen am Rollfeld aus. Als die Antonow den Boden berührt, legen sie kurz ihre Smartphones aus den Händen und applaudieren. Eine Landung dieses Formats gehört nicht zum Tagesgeschäft des beschaulichen Bodensee-Airports.

Das Dornier-Museum, in dem die „Landshut“ nach ihrer Renovierung ausgestellt wird, richtet zur Begrüßung ein Bürgerfest aus. „Für mich ist heute ein Tag der großen Freude„, sagt Museumsdirektor David Dornier. Mit der ehemaligen Stewardess Gabriele von Lutzau und Jürgen Vietor, der damals das entführte Flugzeug nach der Erschießung des Flugkapitäns Jürgen Schumann steuerte, sind auch Zeitzeugen der Entführung zu Gast.

Die große Klappe der Antonow geht auf, das Flugzeug im Flugzeug wird sichtbar. Gabriele von Lutzau macht ein paar Schnappschüsse mit dem Handy. Jürgen Vietor klopft der „Landshut“ auf die Flugzeugnase, als begrüße er einen alten Freund. Der Maschine ist sein Alter anzusehen. Der Lack ist ab, viele stützende Bänder halten den Flieger zusammen.

Tränen der Rührung fließen an diesem Morgen keine. „Fragen Sie einen Piloten nicht nach Gefühlen, wir haben keine“, sagt Vietor und lacht. Auf eigenen Wunsch steuerte er schon sechs Wochen nach der Entführung wieder die Landshut. „Ich habe so getan, als hätte es die Entführung nicht gegeben. Das hat funktioniert.“ Als er noch in Mogadischu festsaß, habe er eigentlich Teppiche und Fliesen für sein neues Haus aussuchen sollen, erzählt er. „Das habe ich dann eben 14 Tage später gemacht.“ Bis zu seinem Ruhestand 1999 arbeitete Vietor weiter als Pilot für die Lufthansa.

Dass Gabriele von Lutzau zur Rückkehr der Landshut vor die Öffentlichkeit tritt, ist eine Besonderheit. „Ich habe lange Zeit keine Interviews mehr gegeben“, erzählt sie. „Für das heutige Ereignis bin ich aus meiner Deckung gekommen. Die Landshut ist ein Symbol für die Nicht-Erpressbarkeit des Staates.“ Mit der „Landshut“-Entführung wollten die Entführer den Druck auf Bundeskanzler Helmut Schmidt (SPD) für eine Freilassung der in Stuttgart-Stammheim inhaftierten RAF-Terroristen erhöhen.

Mehrere Stunden dauert die Entladung des Wracks durch ein Team der Lufthansa Technik. Der Rumpf wird über eine Rampe mit Schienen aus der Antonow gerollt und dann mithilfe von Kränen transportiert.

Ein Ausstellungskonzept mit anderen Exponaten rund um den „Deutschen Herbst“ entwickelt das Museum in den kommenden Monaten, danach wird eine neue Halle für die „Landshut“ gebaut. Ab dem Herbst 2019 soll die Öffentlichkeit das restaurierte Flugzeug besichtigen können. Rund zehn Millionen Euro kosten Rückführung, Aufbereitung und Ausstellung des Flugzeugs. Das zahlt hauptsächlich der Bund. Bundesaußenminister Sigmar Gabriel (SPD) hatte sich maßgeblich für die Rückkehr engagiert.

Für viele Besucher scheint die historische Bedeutung nicht der größte Anlass fürs frühe Aufstehen am Samstag gewesen zu sein. „Mich interessiert nur das Riesenflugzeug“, sagt Luftfahrt-Liebhaber Hans-Joachim Pust, der die Landung der Antonow mit Spannung verfolgt hat. Ähnlich sieht das auch Eduard Widler: „Mich fasziniert die pure Größe. Jetzt warte ich auf die Iljuschin.“ Im Frachtflugzeug Iljushin 76 kamen am Mittag die restlichen Flugzeugteile der „Landshut“ nach Friedrichshafen.

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