Friesoythe - Eine wahnwitzige, aber gleichzeitig ziemlich wahrscheinliche Zukunftsvision hat das Kabarett Distel am Donnerstagabend entworfen. Trotz umgehendem Corona-Virus war das Forum mit rund 300 Zuschauern gut besucht. Auf der Bühne überzeugten drei Schauspieler in zahlreichen, schnell wechselnden Rollen. Unfassbar, wie schnell auch Bühnen und Kostümwechsel abliefen. Unterstützt wurden sie von den wunderbaren Musikern Falk Breitkreuz (mehrere Saxofone, Schlagzeug) und Tilmann Ritter (Klavier, Keyboard).

Das 150. Distel-Programm „Weltretten für Anfänger – Einmal Zukunft und zurück!“ ist keine kabarettistische Nummernrevue, sondern eine politisch-gesellschaftliche Reise in die Zukunft. Angela Merkel (großartig: Timo Doleys) liegt bei ihrem Psychiater (Michael Nitzel) auf der Couch und macht sich Sorgen um ihr Vermächtnis. Es ist der selber Psychiater bei dem Noch-CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer (Caroline Lux) Hilfe sucht.

Hier hatten die Kabarettisten die Gelegenheit, aktuelle Themen aufzugreifen, etwa den abgesagten CDU-Parteitag auf dem ein neuer Parteivorsitzender gewählt werden sollte. „Wer weiß, wann dieser Parteitag stattfinden kann“, sinniert Merkel. Die meisten Delegierten seien ja in der Corona-Risikogruppe. Aber: „Die größte Bedrohung aus NRW geht nach wie vor von Friedrich Merz aus.“

Der Psychiater gibt Stichworte. Die CDU habe da ja ein Problem mit Fremdenfeindlichkeit: „Nein, wir mögen Fremde, solange es keine Ausländer sind“, sagt Merkel. Und auch der Klimawandel: „Ich war schon immer für Klima und immer gegen Wandel.“

Nur: Wie werden sich die Leute an sie erinnern, wenn ihre Kanzlerschaft zu Ende gegangen ist? Die gelernte Physikerin baut eine Zeitmaschine, um ihr Volk in eine ­ – hoffentlich sorgenfreie ­ ­– Zukunft zu schicken. Aber welche dummen Trottel testen das Gerät? Es findet sich Ehepaar Konnewitz (Lux und Doleys). Die desillusionierte Grundschullehrerin, die ihren Schülern täglich Waffen abnehmen muss, und ihr multijobbender Mann wollen nix wie weg vom nervigen Vater. Hier brilliert Nitzel als autoritärer, rechthaberischer pensionierter Postbeamter.

Doch die Zukunft entpuppt sich als Digital-Diktatur überwacht von Computerstimme Alexandra und ihren ferngesteuerten Helfershelfern, das „Feeling von Freiheit“ muss den Menschen genügen. „Mein Freund der Computer, weist mich in die Schranken“, singt das Ehepaar Konnewitz. Eine weitere Stärke der Distel-Akteure, die gelegentlich aus dem Spielgeschehen ausbrechen und ein Thema als pointiertes Lied aufgreifen. Gefährlich in der Zukunft, denn: „Kreativität ist wie Krebs. Jeder hat sie, schlimm ist sie nur, wenn sie ausbricht“, sagt einer der Regierungsagenten.

Eva Dahlmann-Aulike
Eva Dahlmann-Aulike Redaktion Münsterland