FRIESOYTHE - Berlin und Friesoythe trennen nicht nur rund 460 Straßenkilometer, sondern Welten. Auf der einen Seite Berlin – die Bundeshauptstadt, Regierungssitz und Weltmetropole, knapp 3,5 Millionen Einwohner. Das entspricht etwa 3900 Einwohnern je Quadratkilometer. Auf der anderen Seite Friesoythe – Mittelzentrum im Landkreis Cloppenburg, keine Weltmetropole, 20 500 Einwohner; das entspricht etwa 83 Einwohnern je Quadratmeter. Ungleiche Voraussetzungen, eindeutige Entscheidung: Sandra und Sven Stratmann kehrten dem Großstadtleben den Rücken und zogen 2004 ins beschauliche, liebenswerte Friesoythe.
„Wir wollten eine Familie gründen und konnten uns das in Berlin nicht vorstellen“, sagt die 34-jährige Erzieherin und heute dreifache Mutter. Aber wohin? Sie ist gebürtige Friesoytherin, er gebürtiger Scharreler. Ein Votum zwischen zwei Orten musste getroffen werden. Die Wahl fiel auf die alte Hansestadt. „Sven ist auch schon richtiger Friesoyther geworden“, sagt Sandra, die gerade am Küchentisch Kaffee nachschenkt. Sven, der am Bremer Flughafen als Bundespolizist für Sicherheit sorgt, widerspricht nicht. „Wir haben hier ja auch alles was wir brauchen“, sagt die junge Mutter.
„Bei uns ist immer was los“
Die Söhne Ferdinand (8) und Carl (6) stürmen in die Küche – dreckig vom Fußballspielen im Garten. Freund Leon (7) ist auch dabei. Jetzt gibt es erst einmal ein Glas Sprudel. „Bei uns ist immer was los“, sagt der 38-Jährige. Das sei auch gut so. Spielende Kinder, tolle Nachbarschaft, das mögen sie. Da macht es auch nichts, dass die drei Jungs das Fußballfeld geräuschvoll in den Hausflur verlegen. Man spürt: Die Kinder fühlen sich in Friesoythe pudelwohl. Ob das auch für die einjährige Frieda gilt, ist schwer zu sagen, denn sprechen kann das jüngste Kind der Familie natürlich noch nicht. Dafür laufen. Zum Glück ist die Wohnküche für ihre kleinen Ausflüge groß genug. Schlecht scheint es ihr jedenfalls nicht zu gehen. Die ganze Zeit über lächelt das niedliche Mädchen – bis zu dem Zeitpunkt, als an diesem Tag ein Fotograf im Garten ein nettes Bild von der Familie machen wollte.
Sitznachbar Helmut Kohl
Bereut haben die Stratmanns ihren Umzug von der Weltmetropole aufs flache Land zu keinem Zeitpunkt. Dennoch: „Berlin war super“, sagt der 38-Jährige, während er am Kaffee nippt und herzhaft ins Gebäck beißt – in einen Berliner natürlich. Daraus macht er keinen Hehl. Im Gegenteil: Er gerät regelrecht ins Schwärmen, wenn er von der Zeit in der Hauptstadt spricht. Kein Wunder, denn sein Job war alles andere als langweilig. „Ich war bei der Bundestagspolizei. Da gab es einiges zu erleben“, sagt der Familienvater. Er erzählt davon, dass er beinahe dem damaligen Bundeskanzler Gerhard Schröder einen Fausthieb versetzt hätte, wie er im Untersuchungsausschuss zur CDU-Spendenaffäre neben Helmut Kohl saß und das Doris Schröder-Köpf „gar nicht so schlecht aussieht wie im Fernsehen“.
Während Sven Stratmann den Bundestag bewachte, war seine Frau nicht weit entfernt. Sie war in der Kinderkrippe des Deutschen Bundestages als Erzieherin beschäftigt. Da Deutscher Reichstag und Kinderkrippe unterirdisch miteinander verbunden sind, führten nicht wenige Streifengänge auch mal zur Liebsten, verrät Sven Stratmann.
Die beiden blicken gerne auf die gemeinsame Zeit in Berlin zurück, doch jetzt – als Familie – ist Friesoythe ihre neue Heimat. Mittlerweile ist die eigene Doppelhaushälfte in der Friesoyther Siedlung beim Tennisplatz zu klein geworden. Es wird neu gebaut. Wieder kam die Frage: Friesoythe oder Scharrel? Friesoythe hat gewonnen.
