Berlin - Sie wollen wachsen hier draußen im Berliner Speckgürtel. Aber sie finden einfach nicht genügend Lehrlinge in der Region. Thomas Wehde, Finanzchef des Turbinen-Herstellers „Anecom Aerotest“, klagt Sigmar Gabriel sein Leid. Der Bundeswirtschaftsminister schlägt kurzerhand höhere Azubi-Vergütungen vor: „Ist das ein Thema für Sie?“ Der Finanzchef zieht die Augenbrauen hoch. „Machen wir ja! Für gute Leistungen gibt es sogar eine Prämie“, sagt er ratlos.
Sigmar Gabriel ist auf Sommerreise quer durch Ostdeutschland, fünf Tage, vier Bundesländer. Der SPD-Chef besucht Hightech-Schmieden, Hochschulen, Start-ups, Mittelständler und Maschinenbauer – so wie gestern in Wildau vor den Toren Berlins. Gabriel präsentiert sich als Kümmerer, als „Mister Mittelstand“.
Unterwegs mit Gabriel, der sich gerade anschickt, das ökonomische Profil der SPD zu schärfen. Zwischen Wildau, Babelsberg und Greifswald gibt der Bundeswirtschaftsminister den Genossen der Bosse, den Ansprechpartner für den Mittelstand. „Die Sozialdemokratie darf sich nicht nur als Betriebsrat der Nation verstehen“, lautet die Botschaft, mit der Gabriel durch die Lande tourt. Nach Mindestlohn, Mütterrente und Rente mit 63 korrigieren die Sozialdemokraten ihren Kurs, wollen mit wirtschaftlicher Vernunft punkten.
Ortstermin in Neuseddin: In dem 1000-Einwohner-Ort im Südwesten Berlins arbeitet Unternehmer Gerald Rynkowski mit 19 Mitarbeitern an hochkomplexer Schiffstechnik für den Weltmarkt. Eine Erfolgsgeschichte im ansonsten strukturschwachen Brandenburg. Wäre da nicht die Bürokratie, die Rynkowski Kopfzerbrechen bereiten würde! Der Gastgeber klagt über lange Wartezeiten für Exportgenehmigungen, Betriebsüberprüfungen am laufenden Band, das komplizierte Steuerrecht und fehlende Abschreibungsmöglichkeiten. Gabriel lauscht, nickt ab und zu. „Haben Sie Lust, mir das alles aufzuschreiben?“, fragt der Minister. Wohin steuert die SPD? Mehr Gabriel, weniger Nahles? Der Parteichef will mehr Wirtschaft wagen, und ärgert die Union auf seiner Reise mit immer neuen Forderungen zur Entlastung der Mittelschicht. Es sei jetzt Zeit, die Beschäftigten von heimlichen Steuererhöhungen zu entlasten, erklärt er vor den Kameras. Er wisse, dass die Kanzlerin und der Finanzminister das „etwas distanziert“ sehen würden.
Aber die Forderung der Gewerkschaften, dass mehr Geld in den Taschen der Arbeitnehmer bleiben müsse, sei richtig. Da funkeln Gabriels Augen vor Angriffslust. Während die Kanzlerin noch urlaubt, macht ihr Vizekanzler beim Thema Steuern Druck.
