Ganderkesee - Die meisten Deutschen tun es wohl ungern, Qahtan Saleh hingegen würde es gerne tun. Sein größter Wunsch: „Ich möchte wie ein Deutscher Steuern zahlen“, sagt der 50-Jährige.
Seit Januar 2016 lebt Qahtan Saleh in Ganderkesee. Ende 2015 floh er Hals über Kopf aus dem Irak. Der 50-Jährige erzählt in gebrochenem Deutsch von Krieg, Bomben, der Mafia, Soldaten und dem Konflikt zwischen Schiiten und Sunniten, wechselt dabei immer wieder in seine Muttersprache Arabisch. Sein Elternhaus steht in einem Schiitenviertel, als Sunnit konnte er dort nicht bleiben. „Jemand wollte mich umbringen“, sagt er. „Dann bin ich geflohen.“ Alleine. Seine Eltern, elf Geschwister und 35 Nichten und Neffen ließ er zurück.
Nach anderthalbmonatiger Flucht über die Balkanroute landete der Iraker zunächst in Wildeshausen. Zwei Monate lebte er in einer Flüchtlingsunterkunft in einer Turnhalle. Von dort kam er nach Ganderkesee. Vier Monate verbrachte er im großen Zelt, das die Gemeinde im Stadion am Habbrügger Weg errichtet hatte. Dort wartete er nicht nur ab, sondern machte sich auch nützlich und half bei der Verpflegung der Flüchtlinge.
Danach zog er mit 13 anderen Männern verschiedener Nationen in ein Haus an der Lindenstraße. Dort lernte er auch seinen heutigen Mitbewohner, den 25-jährigen Khalil Hussein aus Syrien, kennen. Die Männer berichten vom Schlangestehen vor den beiden Bädern, von der einzigen Küche, in der alle die Zeit verbrachten. „Aber alles ist besser als ein Zelt“, sagt Qahtan Saleh. Und er hatte ein eigenes Zimmer. „Zum ersten Mal ein bisschen Ruhe“, sagt er auf Arabisch.
Nach einem Jahr kann er in seine heutige Wohnung über dem Jugendzentrum „Trend“ ziehen, die er sich mit Khalil Hussein teilt. Jeder hat ein eigenes Zimmer, eine kleine Küche und ein Badezimmer nutzen sie gemeinsam. „Es ist ruhiger hier. Mit 14 Männern ist es schwer. Alle sind unterschiedlich alt und die Sanitäranlagen sahen nicht immer gut aus“, sagt Qahtan Saleh in seiner Muttersprache.
Prüfung wiederholen
Ihm fällt es noch schwer, ganze Sätze auf Deutsch zu bilden. Mit einzelnen Worten und Gesten versucht er, sich zu verständigen. Er besuchte zunächst vormittags einen Deutschkursus der regioVHS in Bookholzberg, am Nachmittag verdiente er ein Jahr lang ein bisschen Geld, indem er zwei Stunden lang für die Gemeinde Ganderkesee Hausmeistertätigkeiten erledigte. Ehrenamtliche hatten ihn empfohlen. Im Irak hatte er im Laufe der Jahre verschiedene Jobs angenommen, unter anderem als Taxifahrer, Bauarbeiter und Kassierer. Studiert hat er jedoch Wirtschaft mit Schwerpunkt Tourismus an der al-Mustansiriyya-Universität in Bagdad. Sein Hochschulabschluss wurde in Deutschland anerkannt. Er entspricht dem Bachelor im Fach Hotelmanagement.
In diesem Bereich würde er auch gerne arbeiten. Erich und Monika Kurzawski, die sich im Arbeitskreis Flüchtlinge engagieren, hatten ihm für Anfang Oktober einen zweiwöchigen Praktikumsplatz in einem Delmenhorster Hotel vermittelt. Da sei er fürs Grillen zuständig gewesen, sagt Qahtan Saleh. Für andere Aufgaben sei sein Deutsch zu schlecht. Das frustriert ihn.
Die B1-Sprachprüfung schaffte Qahtan Saleh nicht. Er wiederholte den Stoff 300 Stunden in der Deutschen Angestellten-Akademie (DAA) in Delmenhorst, die Agentur für Arbeit hatte diesen Kurs vermittelt. Der ist jetzt beendet. Im Januar ist die Prüfung. Nun lernt er zu Hause weiter. Die deutsche Grammatik sei besonders schwer, sagt er. Ihm würde es helfen, mehr mit Deutschen zu sprechen. Der 50-Jährige nimmt an allen Aktionen, wie etwa Kochkursen und Ausflügen, des Arbeitskreises Flüchtlinge teil. Ein Job wäre aber noch besser, um die Sprache zu lernen, denkt Qahtan Saleh. „Ich bin bereit für alles“, sagt er. Auch eine Ausbildung komme infrage. Sein Alter sei aber neben der Sprachbarriere oft ein Problem für viele Arbeitgeber.
Große Angst
„Ein Job, Heirat, eine Familie, ein Haus – und ein Aufenthaltstitel“, zählt Qahtan Saleh seine Wünsche auf. Doch er befürchtet die Abschiebung. 2017 bekam er den ersten Ablehnungsbescheid, im März dieses Jahres den zweiten. Qahtan Saleh hat geklagt. Nun heißt es warten.
Er versucht, die Sprachbarriere weiter abzubauen. Wenn er nicht gerade lernt, treibt er Sport, im Fitnessstudio, im Hallenbad oder auf dem Basketballfeld.
In Ganderkesee fühlt er sich wohl. Rassismus habe er persönlich nicht erlebt. Er erfahre große Unterstützung. Nur bei der Jobsuche würde er sich mehr Hilfe wünschen. „Ich liebe Mitarbeit, warum soll ich zu Hause bleiben?“, fragt er. Außerdem denke er dann zu viel nach, an seine Familie, die er sehr vermisst. Doch zurück in den Irak – das sei das Schlimmste, was ihm passieren könne, sagt der 50-Jährige. Dort müsste er wieder um sein Leben fürchten.
