GANDERKESEE - Die wohl berühmteste Pressekonferenz in der deutsch-deutschen Geschichte sah Simone Nordbruch (36) wie Millionen ihrer Landsleute am Donnerstag, den 9. November 1989, am Fernseher.

„Wir sahen live, wie sich Günter Schabowski vor den Journalisten verhaspelte – und damit den Mauerfall auslöste“, erinnert sich Simone Nordbruch im Gespräch mit der NWZ . Günter Schabowski sollte für das DDR-Politbüro die neuen Ausreisebestimmungen erklären. Auf die Frage, ab wann die Regelung in Kraft trete, stammelte Schabowski unbeholfen die legendären Worte: „Das tritt nach meiner Kenntnis. . . ist das sofort. Unverzüglich.“

„Wir konnten das gar nicht glauben“, erinnert sich Simone Nordbruch. Als sie den Satz zu Ende gesprochen hat, bemerkt sie sichtlich bewegt: „Ich habe eine Gänsehaut.“

Mann aus Delmenhorst

Heute lebt Simone Nordbruch mit ihrem Eheman und ihren beiden Söhnen in Ganderkesee. Vor zwölf Jahren folgte sie dem Ruf ihres Herzens, nachdem sie ihren späteren Ehemann kennengelernt hatte – er stammt aus Delmenhorst.

Zurück zum Abend des Mauerfalls. Nach der Übertragung der Pressekonferenz stürmten die Ostdeutschen zu Tausenden zu den Grenzübergängen. Leinefelde, die Stadt in Thüringen, in der Simone Norbruch mit ihrer Familie damals lebte, war nur ein paar Kilometer von einem Grenzübergang entfernt. „Aber mein Vater meinte ganz ruhig: Da können wir auch noch morgen hinfahren. Heute wird’s zu voll“, erinnert sich Simone Nordbruch. Am nächsten Tag ging es dann für die ganze Familie im Auto Marke „Sabarosch“ zum ersten Mal über die Grenze in das niedersächsische Duderstadt.

„Kurz darauf bekamen wir einen Anruf, dass wir unseren Trabi abholen dürfen“, sagt Simone Nordbruch und lacht. Zehn Jahre hatte die Familie auf das Auto gewartet. Ihr Vater antwortete dem Anrufer nur trocken: „Den könnt ihr jetzt behalten. Wir kaufen uns einen Audi“.

West-Auto war schrottreif

So kam es auch. In Duderstadt kaufte sich die Familie einen Audi 80, gebraucht. Von der angeblichen westdeutschen Wertarbeit merkte die Familie aus dem Osten allerdings nicht viel: „Nach zwei Jahren war der Boden durchgerostet – der Audi war beim Kauf schon uralt.“ Das sei nach der Wende eine Masche vieler westdeutscher Autoverkäufer gewesen. „Die haben ihren alten Schrottkisten an die Ossis verkauft. Die kannten sich damit ja nicht aus.“ Die 100 D-Mark Begrüßungsgeld, die die Familie damals bekam, waren angesichts des Fehlkaufs nur ein schwacher Trost.

Zur Arbeit in den Westen

Nach der Wende machte Simone Nordbruch ihren Realschul-Abschluss und begann dann eine Ausbildung bei der Bundesbahn zur Schaffnerin. „Meine erste Strecke führte in den Westen“, sagt sie. Auf einmal konnte sie jeden Tag nach Westdeutschland fahren – sogar von Berufs wegen.

Über ihre Schwester lernte Simone 1997 ihren Mann Jens kennen. Drei Wochen später zog sie zu ihm nach Ganderkesee. „Hier war für mich alles besser. Selbst das Gras war grüner als im Osten. Das dachte ich damals jedenfalls.“

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