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NWZonline.de Nachrichten Politik

Fleischverzicht allein rettet das Klima auch nicht

01.02.2018

Die Deutschen sollten aus Sicht von Umweltschützern nur noch halb so viel Fleisch essen und die Tierbestände kräftig abbauen. Anders seien die Klimaziele nicht mehr zu erreichen.“ So oder ähnlich war es vor Kurzem zahlreichen Presseverlautbarungen zu entnehmen. Bezug genommen wurde auf den Fleischatlas, der vom Bund für Umwelt und Naturschutz und der Heinrich-Böll-Stiftung herausgegeben wurde.

Dabei wurden allerdings keine Angaben gemacht, wie viel eine Halbierung des Fleischkonsums zum Erreichen des Klimaziels beitragen würde. Wir von der Landwirtschaftskammer haben mal nachgerechnet.

Laut Agrarmarkt Informations-Gesellschaft mbH betrug der Fleischverzehr in Deutschland im Jahr 2016 pro Kopf 59 Kilogramm. Der Fleischkorb setzte sich zusammen aus 35,8 Kilogramm Schwein, 11,9 Kilogramm Geflügel, 9,5 Kilogramm Rind und 1,8 Kilogramm sonstige Tiere. Nach Angaben des Umwelt-Bundesministeriums liegt der sogenannte CO2 -Fußabdruck je nach Fleischart und Verarbeitungszustand zwischen 3,25 kg CO2 je Kilogramm frischem Schweinefleisch und 14,34 kg CO2 je Kilogramm tiefgekühltem Rindfleisch.

Autor dieses Beitrages ist Ansgar Lasar. Er ist Klimabeauftragter der Landwirtschaftskammer Niedersachsen mit Sitz in Oldenburg.

Der CO2-Fußabdruck beinhaltet die Treibhausgasemissionen über die gesamte Produktionskette von der Erzeugung zum Beispiel der Ferkel, über die Mast, den Schlachtbetrieb bis zum Einzelhandel. Dabei werden sowohl die Treibhausgasemissionen berechnet, die im jeweiligen Betrieb entstehen, also zum Beispiel solche, die direkt aus den Viehställen entweichen, als auch Treibhausgasemissionen, die in vorgelagerten Bereichen entstehen.

Das sind zum Beispiel Emissionen aus der Erzeugung des benötigten Futters und des verbrauchten Stroms oder der Kraftstoffe für Transporte bis hin zum Lebensmitteleinzelhandel. Neben den Kohlendioxidemissionen sind auch die Kohlendioxidäquivalente aus Lachgas- und Methanemissionen enthalten.

Der durchschnittliche CO2-Fußabdruck im Warenkorb beträgt 5,49 Kilogramm CO2 je Kilogramm Fleisch. Er errechnet sich aus den Anteilen der einzelnen Tierarten mit ihren jeweiligen CO2-Fußabdrücken. Durch den Fleischkonsum werden 324 Kilogramm CO2 pro Kopf und Jahr (59 mal 5,49) verursacht.

Laut Statistischem Bundesamt betrug die Einwohnerzahl in Deutschland Ende 2015 82,18 Millionen Menschen. Damit wurden in 2016 durch den Fleischverzehr der deutschen Bevölkerung 26,6 Millionen Tonnen CO2 verursacht. Bei einer Halbierung würden die Treibhausgasemissionen aus dem Fleischkonsum demzufolge um 13,3 Millionen Tonnen gesenkt werden.

Nach dem deutschen Klimaziel sollen die Treibhausgasemissionen bis zum Jahr 2050 um mindestens 80 Prozent gegenüber dem Basisjahr 1990 gesenkt werden. Im Jahr 1990 betrugen sie 1251 Millionen Tonnen CO2. Die Halbierung des Fleischkonsums würde Deutschland dem Klimaziel also um 1,1 Prozent-Punkte näherbringen.

Stopp mal! Dabei ist noch nicht berücksichtigt, dass der geringere Fleischkonsum einen Anstieg des pflanzlichen Nahrungsmittelbedarfs mit entsprechend höheren Emissionen nach sich ziehen würde.

Bevor man sich hier also im Kleinkarierten verliert, richten Klimaschützer den Fokus besser gleich auf die dicken Brocken. Die liegen im Energiesektor. Dazu folgende Beispiele:

Nach Angaben des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie belief sich die deutsche Bruttostromerzeugung in 2016 auf 654 Milliarden Kilowattstunden. Davon stammen 150 Milliarden Kilowattstunden aus Braunkohlekraftwerken.

Laut Statista verursachen sie für die Erzeugung einer Kilowattstunde Strom 1000 Gramm CO2. Windkraftanlagen mit einem Anteil von 12 Prozent an der deutschen Stromerzeugung werden mit 24 Gramm CO2 je Kilowattstunde Strom angegeben. Eine Kilowattstunde Braunkohlestrom verursacht also mehr Treibhausgasemissionen als 40 Kilowattstunden Windkraftstrom. Bei Abschaltung der Braunkohlekraftwerke und Ersatzlieferung durch Windkraftanlagen würden die deutschen Treibhausgasemissionen rechnerisch um 146,4 Millionen Tonnen CO2 pro Jahr sinken. Der Weg ist das Ziel. Der Austausch von zwei Prozentpunkten Braunkohlestrom durch Windstrom bringt so viel Treibhausgaseinsparung wie eine Halbierung des deutschen Fleischkonsums. In 2016 lag der Anteil des Braunkohlestroms noch bei 23 Prozent.

Durch den Bezug von Ökostrom werden bei einem pro Kopf Verbrauch von 1000 Kilowattstunde pro Jahr (entspricht etwa dem durchschnittlichen Stromverbrauch in privaten Haushalten) laut CO2-Rechner des Umweltbundesamtes 530 Kilogramm CO2 eingespart. Der Bezug von Ökostrom bringt pro Person 3,3 Mal so viel Treibhausgaseinsparung wie eine Halbierung des Fleischverbrauchs (530/162). Die zusätzlichen Kosten für den Ökostrombezug sind überschaubar.

Flugreisen sind besonders klimaschädlich. Der CO2-Rechner des Umweltbundesamtes weist für eine Flugreise von Hannover nach Gran Canaria 2,02 Tonnen CO2 je Fluggast aus. Die Flugreise nach Gran Canaria verursacht pro Kopf 12,5 Mal so viel Treibhausgasemissionen wie bei einer Halbierung des Fleischkonsums eingespart werden (2020/162).

Landwirte können zum Klimaschutz beitragen, indem sie die nachgefragten Lebensmittel möglichst klimaschonend erzeugen. Die prozentualen Treibhausgas-Einsparpotenziale liegen zwar meistens nur im einstelligen Bereich. Bisherige Erfahrungen aus einzelbetrieblichen Klimaschutzberatungen zeigen aber, dass sich daraus auf Betriebsebene im Durchschnitt 50 Tonnen CO2-Einsparung pro Betrieb und Jahr ergeben.

Fazit: Eine Halbierung des Fleischkonsums würde Deutschland dem Klimaziel nur um etwa ein Hundertstel näherbringen. Mit einem geringeren Fleischkonsum macht man aus Klimaschutzsicht aber auch nichts verkehrt.

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