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NWZonline.de Nachrichten Politik

Kalaschnikow plagte das Gewissen

08.11.2019

Verbrecherkartelle und Armeen schwören auf Kalaschnikow. Auf das Konto des am meisten verbreiteten Sturmgewehrs mit dem gekrümmten Magazin gehen Millionen von Toten. Doch wenn Russland an diesem Sonntag den 100. Geburtstag des Erfinders Michail Kalaschnikow feiert, geht es nicht um die von Terroristen, Gangstern, Piraten und Soldaten angerichteten Blutbäder. Vielmehr erinnert das Riesenreich voller Nationalstolz an den als Helden verehrten Waffen-Konstrukteur.

Im Patriotismus-Unterricht in russischen Schulen wird der 2013 im Alter von 94 Jahren gestorbene General heute als leuchtendes Symbol des Vaterlandsverteidigers verehrt. Das Bildungsministerium in Moskau veröffentlichte zum Jubiläum Unterrichtsmaterial für Lehrer, in dem es vor allem um die tödliche Wucht der „Wunder-Waffe“ geht. Darin heißt es, „dass mit dem Sturmgewehr Kalaschnikow mehr Menschen getötet wurden als durch Artilleriefeuer, Luftbombardierungen und Raketenbeschuss“. Es sei günstig in der Produktion und auch bei Regen und Kälte, im Wüstensand und Schlamm stets verlässlich.

„Jedes Jahr sterben durch die AK-Geschosse eine Viertelmillion Menschen. Bisher hat kein Konstrukteur Vergleichbares geschafft“, heißt es in dem Lehrstoff. Lehrer können die Gewehre von den Kindern auseinanderbauen und wieder zusammensetzen lassen – wie zu Sowjetzeiten. Wahlweise kann der Offizier Kalaschnikow als Gedichteschreiber und Autor mehrerer Bücher herhalten.

Kritiker bemängeln, dass dies nur ein Beispiel sei für die Militarisierung der Erziehung in Russland – und ein insgesamt eher martialisches Verständnis von Patriotismus. Schlimm sei, dass Patriotismus in Schulen vor allem mit Waffen in Verbindung gebracht werde, schrieb die Zeitung „Wedomosti“ zum Jahrestag. Andere Medien kommentierten, dass Russland doch andere große kulturelle und wissenschaftliche Errungenschaften vorweisen könne.

Dabei hatte der Waffenbauer selbst Gewissensbisse. „Mein seelischer Schmerz ist unerträglich“, schrieb Kalaschnikow 2012 in einem Brief an den Patriarchen Kirill angesichts der vielen Menschen, die seiner Erfindung zum Opfer fielen. Das Oberhaupt der russisch-orthodoxen Kirche antwortete tröstend: „Es ist wichtig zu verstehen, dass die Verantwortung dafür nicht beim Erfinder liegt, sondern bei den Übeltätern.“ Die wenigsten der rund 100 Millionen Kalaschnikows weltweit sind nach russischen Angaben Originale. Auf 90 Prozent schätzt Russland die Zahl der Nachbauten.

Inzwischen hat sich Russland die Marke mit internationalem Patent schützen lassen. Die Kalaschnikow-Firmengruppe produziert nicht nur Waffen für Armeen – auch für den Sport- und Jagdgebrauch. Im Angebot ist alles Mögliche – von Booten über Drohnen bis hin zu Medizintechnik, Souvenirs, Outdoor-Ausrüstung und Medieninhalten.

Kremlchef Wladimir Putin hatte 2016 per Erlass festgelegt, dass das Andenken an den Nationalhelden besonders gepflegt werden solle. Nach seinem Tod fand der hochdekorierte General seine letzte Ruhe im „Pantheon Russlands“, einer Nationalen Gedenkstätte mit Heldenallee und Monumenten in der Nähe von Moskau.

Als Soldat hatte sich Kalaschnikow, der am 10. November 1919 in Kurja in der südsibirischen Region Altai geboren wurde, im Krieg an der Schulter verwundet. In einem Krankenhaus tüftelte er dann an der „perfekten Waffe zum Schutze der Heimat“. 1947 präsentierte der junge Leutnant erstmals den Prototyp des Gewehrs.

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