Herr Fürst, in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 brannten in Deutschland und in Nachbarländern die Synagogen. Es war das Signal zu einem unfassbaren Völkermord. Fällt angesichts des Ungeheuerlichen dieses Ereignisses das Gedenken zu klein aus?

Fürst Im Grunde müssten wir jeden Tag des Völkermordes gedenken. Der 9. November ist nur ein Tag. Judenverfolgung gab es nicht nur zwischen 1933 und 1945, sondern jahrhundertelang. Wenn wir 1700 Jahre Judentum in Deutschland feiern, dann feiern wir eigentlich 1700 Jahre Überleben in einem Land, in dem es immer wieder zu Pogromen kam. Aber Deutschland und die deutsche Gesellschaft haben sich seit Jahrzehnten zur „deutschen Schuld“überzeugend bekannt.

Seit 41 Jahren Vorsitzender der Jüdischen Gemeinden im Land

Michael Fürst, 74 Jahre alt, ist Fachanwalt für Medizinrecht und seit 41 Jahren Vorsitzender des Landesverbandes der Jüdischen Gemeinden von Niedersachsen. Er engagiert sich unter anderem gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit und beteiligt sich vielfältig an interreligiösen Dialogen. Viele seiner Familienmitglieder wurden von den Nazis ermordet. Sein Vater war Holocaust-Überlebender, hatte sich aber gegen eine Auswanderung entschieden. Für seine Verdienste um die Wissenschaft wurde Fürst zum Ehrensenator der Universität Hannover ernannt.

Wie vielfältig ist das Gedenken in diesem Jahr?

Fürst Wie immer sehr unterschiedlich. In Hannover gibt es das Gedenken im Niedersächsischen Landtag, zu dem mich in diesem Jahr übrigens mein 18-jähriger Enkel begleitet, sowie die Gedenkstunde an der ehemaligen Neuen Synagoge in der Straße „Rote Reihe“. Überall in Deutschland werden digital konstruierte Synagogen an ihren historischen Standorten auf die dortigen Gebäude oder auf Leinwände projiziert.

Es mehren sich antisemitische Vorfälle in Deutschland. Wie erklären Sie sich das? Was ist zu tun?

Fürst Die Antwort auf diese Frage ist nicht einfach. Leider gibt es Menschen, die antisemitisch, fremdenfeindlich oder rassistisch denken. Überwiegend sind die Täter Menschen, die sich ausgegrenzt fühlen oder meinen, ihnen werde Unrecht getan. Sie suchen einen Schuldigen – und das ist oft „der Jude“. In Niedersachsen haben wir glücklicherweise nicht die antisemitischen Probleme, wie sie in anderen Bundesländern auftauchen.

Woran liegt das?

Fürst Es liegt unter anderem daran, dass wir eine sehr offene jüdische Gesellschaft sind, die richtig gute Kontakte zu den muslimischen Verbänden und zur palästinensischen Gemeinde pflegt. Es gibt viele gemeinsame Veranstaltungen. Und als Anwalt sage ich:Es gibt nicht nur Recht oder Unrecht. Wir dürfen dem vermeintlichen Gegner und dabei spreche ich auch das israelisch-palästinensische Verhältnis an, nicht seine persönlichen Gefühle absprechen.

Die Journalistin Nemi El-Hassan darf nicht die WDR-Sendung „Quarks“ moderieren, weil sie vor sieben Jahren an einer anti-israelischen Demo teilgenommen hat. Wie bewerten Sie das Verhalten des WDR?

Fürst Ich denke, der Sender wird den Fall genau geprüft und sich die Entscheidung nicht leicht gemacht haben. Meine Strategie ist es eher, Menschen dazu zu bringen, über ihre Fehler nachzudenken. Dann sind auch andere Ergebnisse möglich.

Werden Sie regelmäßig wegen Ihres Glaubens angefeindet?

Fürst Eher selten. Ich bekomme zwar regelmäßig zum Teil hasserfüllte Briefe. Aber gleichzeitig habe ich das Gefühl, dass ich in Niedersachsen gut von der Gesellschaft geschützt bin.

Es gibt eine Forschungskooperation zwischen Niedersachsen und Israel, jedoch wenig Jugendaustausch. Sollte hier mehr getan werden?

Fürst Die Forschungskooperationen mit den israelischen Universitäten sind hervorragend, aber der Jugendaustausch liegt tatsächlich etwas im Argen. Das hat auch etwas mit Kosten und der Schnelllebigkeit unserer Zeit zu tun. Mit fehlt eine Städtepartnerschaft der Landeshauptstadt Hannover mit einer großen israelischen Stadt. Dabei darf es nicht nur um ein Schild gehen. Die Städtepartnerschaft muss dann mit Leben gefüllt werden.

Die erste Auslandsreise eines neu gewählten Bundeskanzlers geht meist nach Paris. Warum nicht nach Jerusalem?

Fürst Das hat etwas mit dem Bekenntnis zu Europa zu tun. Die Beziehung zwischen Deutschland und Israel ist sehr freundschaftlich und in den letzten Jahrzehnten stets gewachsen. Daher sollte man sie nicht mit Formalien wie „die erste Kanzlerreise“ verknüpfen.

Wie lange müssen wir noch auf einen jüdischen Bundeskanzler oder Bundespräsidenten warten?

Fürst Vermutlich noch lange. Wichtig ist für mich: Die Wahl darf nicht daran scheitern, weil der Bewerber oder die Bewerberin den jüdischen Glauben hat. Und es sollten sich viel mehr Juden für unsere Demokratie politisch engagieren, dann können sie sogar Kanzler oder Bundespräsident werden.

Stefan Idel
Stefan Idel Landespolitischer Korrespondent