Kirchhatten - Unter dem Motto: „Wie viele Gegensätze verträgt eine Gesellschaft?“ hatte der Kreisverband von Bündnis‘90/Die Grünen zu seinem Frühjahrsempfang nach Kirchhatten ins Willersche Haus eingeladen. Mit gut 60 Gästen aus Verbänden, Politik und Verwaltung, darunter Hattens Bürgermeister Christian Pundt, wurde in großer Runde diskutiert.

In seinem Grußwort hob der Bürgermeister die Betroffenheit der Gemeinden hervor. Auch auf dem Land, wo gerne eine heile Idylle vermutet werde, nehmen die Gegensätze in der Gesellschaft zu. Das zeige sich an deutlich steigenden Zahlen der Menschen, die die sogenannten „Tafeln“ in Anspruch nähmen. Gastreferent des Abends war der arbeitsmarkt- und sozialpolitische Sprecher der Landtagsfraktion Thomas Schremmer, für den es eher darum geht, welchen Grad der gesellschaftlichen Gegensätze eine Gesellschaft aushält. Und er fragte: Ist dieser Grad erreicht?

Zahlen würde es jedenfalls genug geben – daran könne es nicht liegen, dass es in der Gesellschaft an echtem Willen zur Veränderung mangele, meint Schremmer. Aktuell seien 15,5 Prozent der Bevölkerung „armutsgefährdet“ (Quelle: Niedersächsisches Landesamt für Statistik). Seit 2010 steigt diese Zahl kontinuierlich an. Besonders Frauen über 63 Jahre, Menschen mit Behinderungen und Geringqualifizierte seien überdurchschnittlich davon betroffen.

Es gibt 1,3 Millionen erwerbstätige „Aufstocker“, bei denen ein Gehalt nicht zum Leben ausreicht. 23 Prozent aller Erwerbstätigen arbeiten im Niedriglohnsektor und 1,5 bis zwei Millionen Menschen nutzen soziale Einrichtungen wie die Tafeln, die Lebensmittel zu günstigen Preisen abgeben, regelmäßig. Auf der anderen Seite steigen die Beschäftigungszahlen und Börsenkurse, der Wirtschaft geht es gut. Das Problem sei also kein Erkenntnisproblem, sondern ein Handlungsproblem, fasste Thomas Schremmer zusammen. Letzten Endes gebe es nicht nur ein Problem, sondern gleich einen ganzen Berg. Daher müsse es den Spagat geben zwischen Betroffenheit auf der einen Seite und Handlungen auf der anderen.

Sein Lösungsvorschlag: Die „Infrastruktur der Teilhabe ermöglichenden Institutionen“ muss laut Schremmer weiter gestärkt werden. Darunter fasste der Referent nicht nur staatliche Einrichtungen, sondern auch zivilgesellschaftliche Initiativen, zusammen. Als Vision könnte hier das „bedingungslose Grundeinkommen“ gelten.