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NWZonline.de Nachrichten Politik

„Einige Muslime leben weit entfernt von uns“

20.03.2018
Mit seinem Satz „Der Islam gehört nicht zu Deutschland“ hat Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) eine Diskussion wieder angestoßen, die mit der gegenteiligen Aussage des damaligen Bundespräsidenten Christian Wulff vor mehr als sieben Jahren ihren Anfang genommen hat. Ganz falsch liegt Seehofer nicht, sagt Orientalist und Buchautor Alfred Schlicht im Interview mit NWZonline. Auch wenn alles nicht so einfach ist, wie es der Minister darstellt.
Frage: Horst Seehofer sagt nein, Angela Merkel sagt ja: Ist die Frage, ob der Islam zu Deutschland gehört, überhaupt so einfach zu beantworten?
Schlicht: Natürlich kann man das nicht so eindeutig beantworten. Aber Politiker wollen Sätze präsentieren, die eingängig sind.
BILD: Privat

Berufsdiplomat

Alfred Schlicht (62) ist Diplomat mit Nahost-Erfahrung. Der Berliner Islamwissenschaftler hat insgesamt acht Jahre lang in Jordanien, Ägypten, im Libanon und im Jemen gelebt. Im vergangenen Jahr erschien sein Buch „Gehört der Islam zu Deutschland?“.

Frage: War Seehofers Aussage also einfach nur populistisch?
Schlicht: Er hat gerade sein Amt angetreten und wollte vielleicht einen starken Akzent setzen. Man muss aber auch sagen, dass er nicht vollkommen unrecht hat. Es gibt im Islam Aussagen und Texte, die sehr schwer mit unserem demokratischen Rechtsstaat vereinbar sind. Andererseits gibt es sehr viele Muslime bei uns, die hier wirklich angekommen sind, unsere Rechtsordnung akzeptieren und die wertvolle Beiträge leisten – als Politiker, als Wissenschaftler, als Unternehmer. Es gibt eine große Zahl von Muslimen, die sich nicht an Aussagen aus dem siebten Jahrhundert orientieren. Diese Muslime interpretieren den Islam in einer Art und Weise, mit der wir gut leben können.
Frage: Müsste man also den politischen Islam vom Rest der Religion trennen?
Schlicht: Das ist sehr schwierig. Denn der politische Islam beruft sich ja auf genuin islamische Aussagen – auf Worte, die es tatsächlich gibt. Und diese Dinge vom eigentlichen Islam zu trennen, ist problematisch.
Frage: Ähnliche Worte gibt es aber auch in der Bibel...
Schlicht: Es geht mehr um die Interpretation: Müssen Dinge, die im siebten Jahrhundert ausgesprochen worden sind, noch immer wörtlich genommen werden in unserer Zeit? Die Reformmuslime bestreiten das. Sie sind überzeugt, dass der Islam heute anders interpretiert werden muss als vor 1400 Jahren. So machen es Christen und Juden ja auch. Es gibt heute ja auch keine Hexenverbrennungen mehr.
Frage: Hat der Islam also die Chance, sich zu reformieren?
Schlicht: Der Islam hat die Chance! Es gibt ja schon Reformmuslime und solche, die ihren Glauben leben, ohne irgendetwas Radikales zu denken, zu tun oder zu wollen. Gerade auch bei uns in Deutschland. Andererseits gibt es viele Muslime – und da kommen auch viele politische und soziale Faktoren dazu – die sich hier nicht angenommen fühlen, nicht akzeptiert. Einige rechnen ihr eigenes Scheitern ihrer Religion zu und meinen, sie würden diskriminiert.
Frage: Gibt es also gar keine Diskriminierung von Muslimen in Deutschland?
Schlicht: Natürlich gibt es die! Wie es auch eine Diskriminierung von Juden gibt, wie es auch eine Diskriminierung von Frauen gibt. Das sehe ich jederzeit, denn ich habe auch eine Frau, die Migrantin ist.
Frage: Ist es bei all der Angst, die bei vielen Deutschen herrscht, überhaupt möglich, eine sachliche Debatte über den Islam zu führen?
Schlicht: Ansätze gibt es. Es gibt immer wieder Menschen, die bereit sind, auf verschiedene Nuancen einzugehen. In der breiten Bevölkerung ist es aber immer etwas schwierig, so etwas wie das Attentat vom Breitscheidplatz macht eine sachliche Debatte schwer. Aber nur weil Menschen aufgrund von Terroranschlägen, Straftaten krimineller Familienclans oder radikaler Aussagen Vorbehalte gegenüber dem Islam haben, ist das nicht gleich Ausdruck von Islamfeindlichkeit. Es ist auch falsch, zu sagen, das alles hätte nichts mit dem Islam zu tun. Ein bisschen mehr Offenheit würde guttun.
Frage: Aber werden Muslime, die sich ohnehin schon ausgegrenzt fühlen, dadurch und durch Seehofers Aussage nicht noch mehr aus der Gesellschaft gedrängt?
Schlicht: Das kann durchaus sein. Aber diejenigen, die schon heute in Parallelgesellschaften leben, nehmen so etwas gar nicht wahr. Die lesen nicht die Zeitungen, die wir lesen. Die leben ohnehin weit entfernt von uns. Aber natürliche würde man den wohlmeinenden und gutwilligen Muslimen ein besseres Signal geben, wenn man ihnen sagt: Wir sind bei euch, und wir wollen mit euch dieses Land gestalten.
Robert Otto-Moog Redakteur / Redaktion Oldenburg
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