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NWZonline.de Nachrichten Politik

Diplomat mit Moralanspruch

20.08.2018

Genf Wie kein Zweiter war Kofi Annan das personifizierte Weltgewissen. Der integre Diplomat aus Ghana hat sein Ansehen als moralische Autorität geschickt eingesetzt, um als UN-Generalsekretär globale Probleme wie die Aids-Epidemie und Terrorismus anzupacken. Als erster UN-Chef hatte er sich in der Verwaltungshierarchie der Weltorganisation hochgearbeitet und war zudem der erste Amtsinhaber aus den Staaten Afrikas südlich der Sahara. Nun ist Annan im Alter von 80 Jahren gestorben.

In den höchsten Etagen der Vereinten Nationen hinterließ Annan ab 1987 als stellvertretender Generalsekretär seine Handschrift, bald auch als Chef der Abteilung für Friedenserhaltende Einsätze. Mit dem Völkermord in Ruanda im Jahr 1994 ereilte ihn dort eines der dunkelsten Kapitel seiner UN-Karriere. Spannungen zwischen den Volksgruppen der Hutu und Tutsi führten zum Tod von 800 000 bis einer Million Menschen, und Annan brauchte zehn Jahre, um in einem BBC-Interview und später in seinen Memoiren zumindest einen Teil der Verantwortung für den Fehlschlag der Friedensbemühungen zu übernehmen.

Denn der Alarmruf aus dem bitterarmen Staat in Ostafrika hätte lauter nicht sein können: Der kanadische General Romeo Dallaire, damals Oberkommandierender der Blauhelme in Ruanda, hatte vor der Vernichtung der Tutsi-Minderheit gewarnt. Aber Annan stoppte einen von Dallaire geplanten Angriff auf ein Waffenlager, das für den Massenmord genutzt werden sollte, und verwies die Sache auch nicht an den UN-Sicherheitsrat. Annans späteres „Bedauern“ und die Aussage, die „internationale Gemeinschaft“ habe versagt, kam als Aufarbeitung vergleichsweise schwach daher.

Auch das Massaker an 8000 Muslimen in der bosnischen Stadt Srebrenica im Jahr 1995 – das größte Kriegsverbrechen in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg – lastete mit auf Annans Schultern. Dass niederländische Blauhelme das Gemetzel wohl hätten verhindern können, ließ das „Peacekeeping“ auf einen neuen Tiefstand fallen. Beide Tragödien verfolgten Annan auch nach seinem Antritt als UN-Generalsekretär im Jahr 1997. Die von ihm angeordneten Untersuchungsberichte fanden deutliche Kritik am Vorgehen der UN in beiden Fällen.

Als Nachfolger des Ägypters Butros Butros-Ghali führte Annan als UN-Chef die Weltgemeinschaft mit ruhiger Hand durch zehn wechselhafte Jahre. In einer groß angelegten Kampagne sagte er dem HI-Virus und der Aids-Epidemie den Kampf an. Für seinen Weltfonds Global Fund, mit dem auch Tuberkulose und Malaria ausgemerzt werden sollen, holte er den Microsoft-Gründer Bill Gates und später auch den U2-Sänger Bono und die damalige französische First Lady Carla Bruni-Sarkozy ins Boot.

Annan paarte als UN-Chef Realismus mit moralischer Führungsstärke und nutzte sein Verhandlungsgeschick, um die UN-Staaten bei globalen Fragen wie der Erderwärmung, Armut, Drogen und Terrorismus aus ihrer nationalen Reserve zu locken. Stets kam er als bescheidener Spitzendiplomat daher. Als er und die Vereinten Nationen 2001 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet wurden, bezeichnete ihn das „Time“-Magazin als womöglich „beliebtesten politischen Power-Player weltweit“. Zu dieser Zeit galt Annan als „führender Diplomat Afrikas“. Bemerkenswert war seine offene Kritik an den USA für deren Invasion des Iraks 2003.

Aber auch die Jahre, in denen Annan vom obersten Stockwerk des UN-Hauptquartiers in New York dirigierte, hatten Schattenseiten. Ein Beispiel ist die Umsetzung des Programms „Oil For Food“, das dem Irak den Ölhandel trotz bestehender Sanktionen teilweise erlaubt, um Lebensmittel und andere Güter für die Bevölkerung zu kaufen. Saddam Hussein konnte das Programm missbrauchen, um durch Schmiergelder 12,6 Milliarden Dollar zu verdienen.

Besonders deutliche Worte fand er dabei nach dem Ende seiner Amtszeit: Zu viele Politiker in Afrika hätten sich persönlich bereichert „und an ihrem Amt auch lange nach dem Ende ihres Mandates festgehalten“.

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