Frau Behrens, Sie sind jetzt knapp einen Monat im Amt. Gefällt Ihnen der Job als „Krisenmanagerin“?
Behrens Der Begriff „Krisenmanagerin“ ist durchaus passend. Zu 95 Prozent beschäftige ich mich täglich mit dem Thema Corona.
Bei der Pandemie-Bekämpfung ist bisher vieles schief gelaufen: von den Einladungsbriefen an Tote bis hin zu Nachbesserungen bei den Verordnungen. Warum wird es jetzt besser?
Behrens Wir mussten schnell eine komplett neue Organisation mit funktionierenden Impfzentren aufbauen. Leider haben wir nicht genug Impfstoff für 8 Millionen Niedersachsen und müssen daher priorisieren. Inzwischen ist die Impfkampagne gut aufgestellt. Wir haben eine Hotline mit 650 Mitarbeitenden. Vergangene Woche haben wir 216.000 Impfungen durchgeführt. Es hat sich alles zurecht gerüttelt.
Daniela Behrens ist seit Anfang März Ministerin für Soziales, Gesundheit und Gleichstellung in Niedersachsen. Die 52-jährige SPD-Politikerin, geboren in Bremerhaven, trat die Nachfolge von Carola Reimann (SPD) an, die wegen einer schweren Erkrankung ihr Amt aufgegeben hatte.
Von 2007 bis 2013 war Behrens Mitglied des Niedersächsischen Landtages; anschließend arbeitete die frühere Journalistin vier Jahre lang als Staatssekretärin im Wirtschaftsministerium. Vor ihrem Amt als Sozialministerin war Behrens im Bundesministerium für Familien, Senioren, Frauen und Jugend in Berlin tätig.
Aber noch immer vermissen viele der über 70-Jährigen ihre Einladungsbriefe.
Behrens Wir laden die über 70-Jährigen in mehreren Etappen ein. Sie können sich über die Hotline oder das Impfportal aber schon jetzt einen Termin geben lassen.
Astrazenca soll nur noch an Menschen über 61 Jahre verimpft werden. Ist der Vertrauensverlust in das Vakzin irreparabel?
Behrens Ich kann die große Unsicherheit verstehen. Aber es ist richtig, Ungereimtheiten aufzuklären. Es ist in Einzelfällen zu Gerinnungsstörungen gekommen, die einen tödlichen Verlauf genommen haben. Mir ist lieber, das offen zu sagen als es unter den Tisch zu kehren. Astrazeneca ist ein guter Impfstoff mit einer hohen Wirksamkeit.
Wird die Impfkampagne dadurch zurückgeworfen?
Behrens Es ist eine kleine Delle. Denn in den Impfzentren impfen wir vor allem Vakzine von Biontech und Moderna. Von 1,3 Millionen Impfungen in Niedersachsen waren nur 284.000 mit Astrazeneca.
Würden Sie sich mit Astrazeneca impfen lassen?
Behrens Ja, sofort, wenn ich an der Reihe bin. Wer sich unsicher fühlt, sollte das in Ruhe mit seiner Hausärztin oder seinem Hausarzt besprechen.
Sollte man Astrazeneca ganz herausnehmen?
BehrensNein, wir hatten zunächst eine unklare Datenlage für die älteren Menschen. Jetzt sind in einem minimalem Anteil Thrombosen bei den jüngeren aufgetreten. Ich glaube, es sind alle Ungereimtheiten ausgeräumt.
Sie wollen bis Mitte Juni der Mehrheit der Niedersachsen ein Impfangebot machen. Steht der Termin noch?
Behrens Ja, alle, die geimpft werden wollen, werden bis Herbst geimpft sein.
Nach Ostern starten die Hausärzte. Müssen sie eine ähnliche Bürokratie bewältigen wie die Impfzentren?
BehrensNein, die Bürokratie fällt deutlich geringer aus, weil die Hausärzte ohnehin schon viele Daten über die Quartalsabrechnungen an die Kassenärztliche Vereinigung melden. Die Ärzte müssen aber täglich die Impfquote melden.
Was halten Sie von dem Vorschlag, dass auch Tierärzte impfen sollten?
Behrens Wir haben 52 Impfzentren und 9000 Allgemeinmediziner in Niedersachsen. Dazu kommt eine starke Betriebsarztstruktur, die wir auch einbinden werden. Ich denke, die Struktur ist ausreichend. Sollten wir irgendwann feststellen, dass wir weitere Ärzte benötigen, werden wir auch an diese Gruppe denken.
In Hotspots gibt es nun nächtliche Ausgangssperren. Ist das überhaupt ein wirksames Instrument?
Behrens Wir haben im privaten Bereich eine muntere Mobilität. Das ist einer der Gründe für die hohen Infektionszahlen. Mit der Ausgangssperre kann man leicht beobachten, ob sich die Menschen an die Regeln halten. Es gibt Erfahrungen aus dem In- und Ausland: Überall dort, wo Ausgangsbeschränkungen verhängt werden, sinken die Inzidenzzahlen.
Viele Kontakte gibt es am Arbeitsplatz. Warum nehmen Sie die Arbeitgeber nicht stärker in die Pflicht?
Behrens Niedersachsen setzt auf freiwillige Vereinbarungen. Viele Unternehmen führen bereits Schnelltests durch. Lediglich 13 Prozent haben noch keine Teststrategie aufgelegt. Wir wollen den Unternehmen die Chance geben, das gut hinzubekommen. Vor allem große Firmen haben da eine Vorbildfunktion.
Sie wollen Modellprojekte in maximal 25 Kommunen zulassen, die Öffnungen im Bereich Handel Gastronomie und Kultur testen sollen. Wie passt das mit den steigenden Inzidenzzahlen zusammen?
Behrens Wir haben weite Teile des Einzelhandels, der Kultur und Gastronomie seit Monaten geschlossen. Trotzdem steigen die Inzidenzzahlen. Wir müssen mehr zum Infektionsgeschehen wissen. Für das Modellprojekt legen wir strenge Kriterien an. Notwendig sind die digitale Kontaktnachverfolgung, gut organisierte Testkonzepte und gute Hygiene- und Abstandsregeln. Ich glaube nicht, dass so viele Kommunen die hohen Hürden überspringen werden. Bei einem Inzidenzwert von 200 Neuinfizierten pro 100.000 Einwohner binnen sieben Tagen werden wir den Versuch sofort abbrechen.
Das heißt, der Inzidenzwert ist ein entscheidendes Kriterium?
Behrens Ja, eine Stadt mit einer niedrigen Inzidenz hat sicherlich Vorrang vor einer Kommune mit einer hohen Inzidenz. Die Modellkommunen sollen Öffnungsperspektiven für Außengastronomie, Handel und Kultur bieten. Tübingen, Rostock und andere Städte zeigen, dass es geht, ein Stück Normalität zurückzugewinnen. Wir sind aber keine Hasardeure. Wenn das Infektionsgeschehen durch die Decke geht, brechen wir den Versuch sofort ab. Es handelt sich nicht um ein Projekt der Wirtschaftsförderung, sondern des Gesundheitsschutzes.
Wäre Oldenburg nicht ein idealer Ort? Immerhin soll die European Medical School den Modellversuch wissenschaftlich begleiten.
Behrens Die wissenschaftliche Begleitung ist ein Bonuspunkt. Wenn das Oldenburger Konzept gut ist, hat es sicherlich eine Chance verdient.
Briten-Premier Boris Johnson verspricht seinen Bürgern, dass sie am 12. April wieder in die Kneipe zurückgehen können. Wann dürfen sich die Niedersachsen wieder in Gaststätten treffen?
Behrens Die Frage ist schwer zu beantworten. Ich glaube aber, dass es ab Pfingsten wieder eine Perspektive für die Außengastronomie geben wird.
Eine persönliche Frage: Werden Sie sich um eine Landtagskandidatur 2022 bemühen?
Behrens Darüber habe ich mir noch keine Gedanken gemacht.
