Görlitz/Zittau - Es ist der letzte Tag meiner Reise. Ich habe Polen verlassen, die Grenze nach Deutschland überschritten - aber ganz kurz dahinter noch einmal angehalten. Görlitz ist mein letztes Ziel, denn diese Stadt hat eine Besonderheit: Sie ist durch historische Ereignisse zu einer geteilten Stadt geworden. Nach der Abtrennung Schlesiens von Deutschland nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges verläuft die Grenze in der Mitte der Lausitzer Neiße und teilt Görlitz mitten durch. Im Westen blieb es bei Görlitz. Im Osten nennt man die Stadt Zgorzelec.

Bis 1989 achtete man streng auf Trennung. Es gab Grenzkontrollen, und als in Polen die Gewerkschaft Soldidarnosc mit Lech Walesa an der Spitze aufzumucken begann, mussten DDR-Bürger für eine Polenreise eine Einladung aus dem Nachbarland vorweisen oder an organisierten, offiziellen Touren teilnehmen.

Nun gibt es also zwei Oberbürgermeister, zwei Stadträte und zwei Rathäuser. Im Grunde gibt es alles zwei Mal, das eine Stadt ausmacht. Wenn europäische Integration „etwas bringen“ muss, dann hier.

Ich habe am Vormittag mit dem Oberbürgermeister von Görlitz, Siegfried Deinege, über diese Fragen gesprochen. Seit 2012 sitzt er im historischen OB-Amtszimmer am hinreißenden Görlitzer Untermarkt. Deinege (parteilos) ist dabei gegenwärtig des Wahlkampfes unverdächtig – in Görlitz steht eine Bürgermeisterwahl an – denn er tritt nicht mehr an. Fazit des Gesprächs: Es hat sich eine Menge getan – aber der Teufel liegt im Detail, und so weit wie im Westen, an den Grenzen zu Frankreich oder den Niederlanden, sind wir im Osten noch lange nicht. Alle Einzelheiten demnächst in der NWZ.

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Es bleibt, ein vorläufiges und kurzes Fazit dieser Tour zu ziehen, und das mag vorerst aus zwei Feststellungen bestehen. Erstens: Deutschland ist in Ost- und Mitteleuropa durchaus angesehen. Allerdings ist ebenso deutlich geworden, dass insbesondere die deutsche Politik nicht glauben sollte, ihre Haltungen zu Fragen wie Asyl, Energie oder dem Tempo der Integration seien der einzig richtige Weg. All diese Fragen sind eben nicht unumstritten, und werden – mit teilweise sehr gutem Grund – in dieser Großregion anders gesehen. Mit Moralkeulen ist hier keine Lösung zu erreichen, und sie beschädigen den Ruf Deutschlands. Wer unter „Europäischer Einigung“ Uniformität versteht, wie das so mancher in Deutschland tut, wird scheitern. Wir können vom Osten eine Menge lernen.

Zweitens: Wer allen Ernstes davon spricht, Europa müsse durch Einwanderung „bunt“ werden, der kennt entweder Europa nicht oder ist ein Demagoge. Europa ist so bunt wie kaum ein anderer Kontinent. Das betrifft Sprachen, Prägungen, Traditionen und historische Erfahrungen. Das alles ist insbesondere in Mittel- und Osteuropa auf relativ engem Raum gedrängt zu erfahren. Es war zu Zeiten ein Fluch. Es war zu Zeiten ein Segen. Es geht nun darum, das Segensreiche zu fördern. Und das wird nicht mit einem Brüsseler Schraubstock gelingen. Ein Anfang wäre es, wenn in der deutschen Politik – und ja, auch in der Öffentlichkeit insgesamt – etablierte Stereotype, vermeintliche Gewissheiten über den „Osten“ hinterfragt würden – und zunächst einmal zugehört würde.

Bleiben Sie nun dran! In den kommenden Wochen bis zur EU-Wahl folgen ausführliche Geschichten, Podcasts und Analysen, die ich von „Will macht Europa“ mitgebracht habe.

Dr. Alexander Will
Dr. Alexander Will Mitglied der Chefredaktion (Überregionales), Leiter Newsdesk